Ein Mädchen wäscht sich die Hand. | Bildquelle: picture alliance/dpa

Fehlbildungen in Frankreich Das Rätsel der Babys ohne Arme

Stand: 20.09.2019 16:55 Uhr

In Deutschland sorgen auffällige Fehlbildungen bei Babys für Diskussionen. In Frankreich wurden ähnliche Fälle bereits vor Jahren beobachtet. Die Behörden reagierten spät - und suchen noch heute nach Erklärungen.

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris

Immer wieder hatte Emmanuelle Amar die Gesundheitsbehörden informiert: erstmals 2011, dann 2014 und wieder 2016. In einem eng begrenzten französischen Alpengebiet seien ungewöhnlich viele Babys ohne Arme oder Hände geboren wurden. Amar leitet das Register für Fehlbildungen der Region Rhône-Alpes in Lyon. Sie meint, dass die betroffenen Schwangeren wahrscheinlich einer Substanz der Landwirtschaft oder der Tiermedizin ausgesetzt gewesen seien.

"Das sind immer die gleichen Fehlbildungen, sie sind deckungsgleich und äußerst selten", sagt sie. "Diese Fehlbildungen am Fötus sind ein klares Zeichen von Umwelteinflüssen, das weiß man."

Die nationale Gesundheitsbehörde reagierte viele Jahre nicht auf die Warnrufe Amars. Dann berichtete der Fernsehsender France 2 im vergangenen September über eine ähnliche Häufung von Fällen in zwei anderen französischen Départements. Immer mehr Betroffene meldeten sich zu Wort, oft ohne ihren Namen preiszugeben.

Die Öffentlichkeit fordert Aufklärung

So wie diese Mutter, deren Tochter ohne einen Arm auf die Welt kam: "Meine Tochter ist jetzt etwas über zwei Jahre alt", sagt sie. Das Mädchen bemerke bereits, dass sie anders sei. "Sie wird uns bald fragen: 'Warum?' Und wir würden gern auf diese Fragen antworten können."

Die Schicksale der "Bébés sans bras", der Babys ohne Arme, haben die Öffentlichkeit berührt. Sie verlangen Aufklärung. Zumal alle betroffenen Familien auf dem Lande, in der Nähe von Feldern leben.

Nun veröffentlichte auch die Gesundheitsbehörde einen Bericht. Auf 265 Seiten legte sie dar, dass man keine gemeinsamen Ursachen für die untersuchten Fälle von Fehlbildungen habe feststellen können. Auch von einer statistisch auffälligen Häufung könne keine Rede sein.

Die französische Gesundheitsministern Agnès Buzyn | Bildquelle: REUTERS
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Frankreichs Gesundheitsministerin Agnès Buzyn: Mit Ergebnis der Untersuchungen nicht zufrieden.

Neue Untersuchungen kommen

Gesundheitsministerin Agnès Buzyn musste eingreifen. "Wir sind mit dem Ergebnis der Untersuchung nicht zufrieden", sagte sie. "Wir wollen uns nicht damit abfinden, dass man keine Ursache gefunden hat. Also werden wir eine neue Untersuchung in die Wege leiten."

Aber die 20 bestellten Experten kamen auch nicht viel weiter. Immerhin schlugen sie im Juli für eines der drei betroffenen Départements weitergehende Untersuchungen vor. Für die anderen beiden aber nicht.

Axelle Laissy will das nicht auf sich sitzen lassen. Ihr inzwischen sechsjähriger Sohn wurde ohne Finger an der rechten Hand geboren. Vor vier Wochen erstattete sie Anzeige gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Körperverletzung. Sie will Antworten von den Behörden. "Für mich und meinen Sohn, ja für alle und die anderen betroffenen Familien auch."

Axelle Laissy | Bildquelle: AFP
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Laissy klagt gegen Unbekannt. Ihr Sohn wurde an einer Hand ohne Finger geboren.

Kein nationales Verzeichnis

Ihr Anwalt Fabien Rajon begründete die Klage zum einen damit, dass das Expertenkomitee die Fälle nicht gründlich genug untersucht habe. Zum anderen mit der zu großen Nähe der zuständigen Behörden zur Regierung.

"Wir denken, dass die Behörden für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit nicht so unabhängig und unparteilich vorgehen, wie das ein Untersuchungsrichter tun kann", sagt er.

In Frankreich kommen jedes Jahr 80 bis 100 Kinder mit mehr oder weniger schweren Fehlbildungen der Gliedmaßen zur Welt. Es gibt - wie in Deutschland und anderen Ländern auch - kein nationales Verzeichnis dieser Fälle. Nur einige regionale. Experten schätzen, dass in etwa 40 Prozent der Fälle die Fehlbildungen genetisch bedingt seien oder durch einen Virus ausgelöst wurde. In den restlichen Fällen können die Ursachen bislang kaum herausgefunden werden. Es sei kaum möglich, so die Experten, alle denkbaren Umwelteinflüsse auf die Mütter nachzuvollziehen.

Fehlbildungen bei Neugeborenen in Frankreich
Martin Bohne, ARD Paris
21.09.2019 08:07 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 18. September 2019 um 22:15 Uhr.

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