Simulation des Fehmarnbelt-Tunnels | Bildquelle: FEMERN A/S HANDOUT/EPA-EFE/Shutt

Transnationale Großprojekte Deutschland zaudert, die Nachbarn bauen

Stand: 22.09.2020 15:23 Uhr

Der Bau des Fehmarnbelt-Tunnels nach Dänemark zieht sich, der Ausbau der Rheinteilstrecke in die Schweiz auch: Deutschland tut sich schwer mit Großprojekten. Seine Nachbarn sind da schneller. Was machen sie anders?

Dänemark: Der Fehmarnbelt-Tunnel

Die Dänen kennen keine Angst vor Großprojekten. Die Querung über den Großen Belt, die Öresundbrücke - das sind aus ihrer Sicht ökonomische Erfolgsstories. Anfängliche ökologische Bedenken, die es natürlich gab, waren schnell kein Thema mehr. Im Gegenteil: Durch die Öresundbrücke beispielsweise gebe es inzwischen mehr Artenvielfalt und eine bessere Wasserqualität, sagen dänische Naturschützer.

Sie waren auch am Mammutprojekt Fehmarnbelt-Tunnel von Anfang an beratend beteiligt. Betroffene Gemeinden und Behörden wurden ebenfalls um Stellungnahmen gebeten, und auch im weiteren Verlauf der Planung konnten sich alle mit Änderungsvorschlägen melden. Das Signal an die Bevölkerung: Ihr seid mit dabei, Ihr werdet gefragt und nicht übergangen.

Simulation des Fehmarnbelt-Tunnels | Bildquelle: FEMERN A/S HANDOUT/EPA-EFE/Shutt
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So soll sie einmal aussehen: die Baustelle für den Fehmarnbelt-Tunnel

Die Zustimmung ist groß

Ein Ergebnis dieser Anhörungen ist die Tunnellösung, für die dänische Naturschützer massiv geworben hatten, um eine Brücke zu verhindern, die aus ihrer Sicht die Umwelt wesentlich mehr beeinträchtigt hätte. Am Ende gab es dann auf dänischer Seite gerade noch 46 Einwendungen gegen das Projekt.

Die Mehrheit der Dänen ist für den neuen Tunnel. Besonders viel Zuspruch gibt es auf der Insel Lolland, auf der das dänische Tunnelende liegen würde. Die Bewohner hoffen für ihre bislang noch wirtschaftsschwache Insel auf mehr Tourismus und Industrieansiedlungen und auf weniger Lkw-Verkehr.

Das haben auch dänische Umweltschützer im Kopf. Sie verweisen auf das Gesamtbild. Zwar könne kein Großprojekt ohne negative Effekte für die Natur realisiert werden, aber der Tunnel habe mehr Vorteile, sowohl wirtschaftlich - etwa durch den Ausbau des Zugverkehrs - als auch für die Umwelt.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm.

Schweiz: Die Tunnel-Weltmeister

Die Schweizer sind erfahrene Tunnelbauer, wahrscheinlich sogar Tunnel-Weltmeister. Hunderte Straßen-, Eisenbahn- oder Wassertunnel sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts in der Schweiz gebaut worden. Das größte Schweizer Tunnelbauprojekt wurde Anfang September mit der Eröffnung des Ceneri-Tunnels im Tessin vollendet: die Neue Eisenbahn Transversale (NEAT).

Das "Herzstück des wichtigsten Bahnkorridors zwischen Nordsee und Mittelmeer", so nennt die Schweizer Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga das Jahrhundertwerk mit den drei Basistunneln durch Lötschberg, Gotthard und Ceneri.

Simonetta Sommaruga vor dem Ceneri-Basistunnel | Bildquelle: dpa
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Bundesratspräsidentin Simonetta Sommaruga eröffnet den Ceneri-Basistunnel.

Politische Legitimation per Volksabstimmungen

Rund 23 Milliarden Franken hat sich die Schweiz den Kraftakt kosten lassen. Das ist viel Geld, aber nicht mehr als geplant. Die Finanzierung gelang zu fast zwei Dritteln über eine Lkw-Maut. Auch der Zeitplan des Mammutprojekts wurde eingehalten. Das lag nicht allein an der helvetischen Erfahrung im Tunnelbauen und vorausschauend präzisem Projektmanagement - ebenso entscheidend war die politische Legitimation.   

Kaum ein anderes politisches Ziel wurde in der Schweiz so oft per Volksabstimmung bestätigt wie die Mission, den Güterverkehr von der Straße unter die Berge zu verlegen. Bereits 1992 stimmten 64 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer für das Milliardenprojekt NEAT. Die solide basisdemokratische Untermauerung der Tunnelbauten war hilfreich.

Mögliche Blockaden oder gar juristische Klagen gegen das Projekt blieben aus. Im Jahr 2000 schließlich sagten die Bürgerinnen und Bürger auch mehrheitlich Ja zum Landverkehrsabkommen über die verkehrspolitische Zusammenarbeit mit der EU.

Bauprojekt als "identitätsstiftende Mission"

Die "Neue Zürcher Zeitung" bezeichnete das Bahnprojekt durch die Alpen als "eine identitätsstiftende Mission, welche die schweizerische Politik seit fast 30 Jahren prägt". Zu dieser Mission gehört auch eine europäische Führungsrolle als Vorreiterin einer zukunftsweisenden Verkehrspolitik.

Die italienische Anbindung an die NEAT steht weitgehend. Deutschland aber hinkt hinterher beim per Staatsvertrag vereinbarten Ausbau der nördlichen Anbindung, der Rheintalstrecke zwischen Karlsruhe und Basel. Im Juni hat das Schweizer Parlament nun die Regierung beauftragt, eine linksrheinische Alternativstrecke zu forcieren und einen Staatsvertrag mit Frankreich und Belgien auszuhandeln.

Von Kathrin Hondl, ARD-Studio Zürich

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. September 2020 um 11:39 Uhr.

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