Ein Mann im improvisierten Camp Vucjak in Bosnien und Herzegowina | Bildquelle: REUTERS

Flüchtlinge in Bosnien "Das ist kein Leben. Nichts."

Stand: 10.12.2019 21:20 Uhr

Der Nordwesten von Bosnien und Herzegowina ist ein Anziehungspunkt für Flüchtlinge, die weiter in die EU wollen. Hunderte harren im berüchtigten Elendslager Vucjak aus. Die Region ist überfordert.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Dicht an dicht stehen rund 30 Männer im Vorraum der kleinen Ambulanz für das Flüchtlingslager Vučjak. Zwei Heizkörper wärmen die überfüllte Wartestube, bevor die Männer einzeln ins kärglich eingerichtete Behandlungszimmer hereingerufen werden.

Katastrophale Zustände im Flüchtlingslager Vucjak in Bosnien
tagesthemen 22:15 Uhr, 20.11.2019, Christian Limpert, ARD Wien

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"Wie heißt du? Aus welchem Land kommst du? Afghanistan. Beschwerden?" Krankenpfleger Arman und Dr. Sinanovic tragen weiße Ganzkörper-Schutzanzüge und hygienische Gesichtsmasken vor Mund und Nase. Sie fragen nach Name, Alter, Herkunftsland und Beschwerden. "Wie alt bist du?" - "23." - "Beschwerden?" - "Husten, Halsschmerzen." - "Hast du auch Krätze?" - "Ja, überall am Körper ..."

In der Ambulanz Zavalje, etwa fünf Kilometer vom Lager in Vucjak entfernt, werden Migranten und Flüchtlinge aus dem Lager bei kleineren gesundheitlichen Problemen behandelt. | Bildquelle: BR | Eldina Jasarevic
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In der Ambulanz Zavalje, etwa fünf Kilometer vom Lager in Vucjak entfernt, werden Migranten bei kleineren gesundheitlichen Problemen behandelt.

Zu Fuß kommen täglich zwischen 20 bis 50 Migranten aus dem nahegelegenen Camp Vucjak, das auf einer ehemaligen Müllhalde liegt und seit Juli als Notquartier von der Stadt Bihac für männliche Flüchtlinge und Migranten provisorisch eingerichtet worden ist. Es gibt dort keine Strom- und Wasseranschlüsse, ein paar Toiletten- und Duschcontainer, Zelte auf nacktem Boden und zweimal am Tag Essen vom Roten Kreuz Bihac. Für 700, 800, manchmal mehr Flüchtlinge und Migranten.

Dr. Sinanovic, ein junger Arzt aus dem städtischen Krankenhaus Bihac, macht hier zweimal die Woche Dienst. An allen Wochentagen sind Freiwillige von "Ärzte ohne Grenzen" in der Ambulanz tätig. Über den Zustand seiner Patienten sagt der Mediziner: "Meistens handelt es sich um Krankheiten, die davon herrühren, dass zu viele Menschen auf zu kleinem Platz leben und es eingeschränkten Hygiene-Bedingungen gibt. Das alles begünstigt solche Krankheiten."

Ein Mann wäscht sich im bosnischen Flüchtlingscamp Vucjak die Haare - es gibt weder Strom noch fließendes Wasser. | Bildquelle: dpa
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Ein Mann wäscht sich im improvisierten Flüchtlingscamp Vucjak die Haare - es gibt weder Strom- noch Wasseranschlüsse in dem Lager.

"Hygienische Bedingungen unter dem Minimum"

Der Kanton Una Sana im Nordwesten von Bosnien und Herzegowina, in dem die Städte Bihac und Velika Kladusa liegen, ist der geographische Anziehungspunkt für Flüchtlinge und Migranten, die über Kroatien weiter in die westlichen EU-Länder wollen. Von hier ist es nicht weit zur Grenze. Seit Jahresbeginn seien 43.000 Migranten im Landkreis registriert worden, gab der Innenminister des Kantons Una Sana dieser Tage bekannt. Für die Gesundheitsministerin des Kantons, Nermina Cemalovic, steht fest: "Was Vucjak angeht, das werden Sie selber sehen, ist dort die epidemiologische Lage überhaupt nicht gut. Die hygienischen und sanitären Bedingungen sind unter dem Minimum."

Auf ihrem Schreibtisch hat die gelernte Ärztin einen roten, dicken Schnellordner, mit Kuli steht dort in großen Druckbuchstaben: "MIGRANTI". Jede Woche erhält sie die Zahlen ihrer Gesundheitsbehörde über die ansteckende Krankheitsfälle von Migranten sowie die Zahlen der Menschen, die in den beiden großen Flüchtlingslagern ihres Landkreises - Bira in Bihać und Miral im 50 Kilometer nördlich gelegenen Velika Kladuša - sowie in Vucjak untergebracht sind. "In Bira, Miral und Vucjak sind 80 bis 85 Prozent der Menschen aus Pakistan und Afghanistan, da handelt es sich um Wirtschaftsflüchtlinge", sagt sie.

Einwohner gegen Flüchtlingslager

Am letzten Wochenende in Bihac: Demonstranten stehen vor dem Gebäude der International Organisation for Migration (IOM). "Schließt Bira zu" und "Wir wollen unsere Stadt zurück", rufen sie. Mit dem Flüchtlingslager Bira, das mit 1.800 Menschen überbelegt sei, und mit Vucjak, das circa 800 Migranten beherberge, sei es einfach zu viel für die Bewohner, sagt ein älterer Mann:

"Ich bin hier geboren und lebe hier mein ganzes Leben schon. Hier gibt es keine Sicherheit mehr. Man kann sich nicht mehr ruhig auf eine Bank hinsetzen. Die Eltern können ihre Kinder nicht alleine in die Schule gehen lassen. Ich habe schon erwachsene Kinder, aber ich sehe immer, dass die Eltern ihre Kinder aus der Schule abholen, weil sie Angst haben."

Eine Frau sagt: "Was soll ich sagen? Ich war selber Flüchtling in Deutschland. Wir waren in einer wesentlich besseren Situation, aber trotzdem hatten wir es schwer. Ich kann nur Mitleid mit ihnen haben."

"Kein Wasser, keine Toiletten, nichts"

Es wird gekocht im Flüchtlingslager Miral, in Velika Kladusa, ganz im Norden von Bosnien und Herzegowina. In kleineren Gruppen stehen Männer um mehrere offene Feuerstellen und bereiten im Innenhof des Lagers ihre heimischen Gerichte zu. Das Lager, das von der IOM geführt und von der EU unterstützt wird, macht einen deutlich besseren Eindruck als das provisorische Lager Vucjak. Hier gibt es feste Unterkünfte, ausreichend Wasch- und Kochgelegenheiten, die Wäsche kann jeden Tag morgens abgegeben und abends abgeholt werden. Eine Ausgangssperre, wie sie die Kantonsleitung von Una Sana angekündigt hat, gibt es nicht. Bis 22 Uhr können die rund 600 Flüchtlinge und Migranten das Lager verlassen und mit ihrem Ausweis wieder betreten.

Um eine der Feuerstellen steht Razim aus Pakistan, der - wie viele der Männer - mit Vucjak nur schlechteste Erfahrungen verbindet. Fünf Monate sei er dort gewesen, sagt er. "Das ist kein Leben. Nichts. Dort gibt es Wildschweine, Schakale, Schlangen. Kein Wasser, keine Toiletten, nichts! Die Leute gehen von dort weg und versuchen, auf eigene Faust zu überleben."

Bewohner des Flüchtlingslagers Vucjak bereiten Brot zu. | Bildquelle: REUTERS
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Brotzubereitung im Schlamm: Die Stadt Bihac errichtete Vucjak als Notquartier auf einer ehemaligen Mülldeponie - schon im Juni nahmen die überfüllten Lager der internationalen Hilfsorganisationen keine Menschen mehr auf.

Deutschland stellt Hilfen in Aussicht

Abhilfe zu schaffen, vor allem für das Lager Vucjak, ist im ebenso komplizierten wie dysfunktionalen Gesamtstaat Bosnien und Herzegowina äußerst schwierig. Die Zentralregierung in Sarajevo, die sich - 13 Monate nach den Parlamentswahlen - in dieser Woche zu einer Regierungsbildung hat durchringen können, ließ den Kanton Una Sana lange Zeit im Stich. Erst als sich die internationale Aufmerksamkeit, vor allem der EU und der deutschen Bundesregierung, auf die Flüchtlingslage im Nordwesten des Landes richtete, begann man zu reagieren. Hilfen werden angeboten, um für die bevorstehenden Wintermonate die Situation für die Menschen in Vucjak zu bessern.

Die Lage dort sei menschenunwürdig und inakzeptabel, so der CSU-Außenpolitiker Christian Schmidt gegenüber der ARD. Am Dienstag war er in Sarajevo zu politischen Gesprächen. Deutschland sei bereit, winterfeste Unterkünfte zu errichten. Allerdings müsse die Zusammenarbeit zwischen den beiden Landesteilen, der Republika Srpska und Föderation Bosnien und Herzegowina, deutlich verbessert werden.

So lässt die serbische Teilrepubik unbehelligt Flüchtlinge ins Land, die über Serbien in Richtung Bihac wollen. Das Ziel: somit die Föderation weiter zu schwächen und mit einem Anstieg der Flüchtlingszahlen in der ohnehin verarmten Region um Bihac weiter für Instabilität zu sorgen.

Für Flüchtlinge wie Razim aus Pakistan, die in sicheren, winterfesten Lagern wie in Miral bleiben können, steht fest: Jeder, der einmal in Vucjak war, könne einfach nur von dort fliehen: "Die Leute versuchen es, weil es schwer ist, in diesem Land zu überleben. Das können Sie sehen. Hier ist es viel besser als in Vucjak. Wenn Sie das mit Vucjak vergleichen? Hier ist Leben."

Reportage: Die Situation der Flüchtlinge in Bihac
Clemens Verenkotte, ARD Wien zzt. Bihac
20.11.2019 13:13 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 20. November 2019 um 22:15 Uhr.

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