Wartende Flüchtlinge im Hafen von Algeciras. | Bildquelle: AFP

Spanische Flüchtlingspolitik "Wir müssen solidarisch sein"

Stand: 03.08.2018 13:01 Uhr

Hunderte Migranten erreichten am vergangenen Wochenende Spanien. Die Behörden vor Ort waren schnell überfordert. Trotzdem bewerten viele Spanier die Flüchtlingspolitik überwiegend positiv.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

In Madrid bekommt man nicht viel davon mit, dass vor einer Woche Hunderte Migranten aus Afrika in Spanien ankamen. Die Hauptstadt ist etwa 700 Kilometer von den Küstenorten im Süden entfernt. Trotzdem: Die Flüchtlingssituation ist Gesprächsthema Nummer eins unter den Madrilenen - zum Beispiel im Friseursalon von Fernando.

"Europa muss eine gemeinsame Linie finden"

Seiner Meinung nach sind die spanischen Grenzen im Moment zu weit geöffnet. Es müsse stärker kontrolliert werden, dass nur Menschen ins Land kommen, die auch das Recht dazu haben. "Wenn wir sehen, dass in der Exklave Ceuta vergangene Woche Migranten gewaltsam auf Polizisten losgegangen sind - das kann einfach nicht sein."

Kunde Ignacio widerspricht. "Wir müssen solidarisch sein." Es gehe um Menschen, mit denen in ihren Heimatländern sehr schlecht umgegangen werde. "Viele befinden sich in den Händen der Schleusermafia, die aus dieser Tragödie Profit schlagen will", sagt er. "Aber klar: Europa muss eine gemeinsame Linie finden, wie Migranten versorgt werden."

Ein Offizier der Guardia Civil hält ein Kind in seinem Arm. | Bildquelle: AP
galerie

In den vergangenen Wochen hat Spanien Italien als Hauptankunftsland abgelöst.

Marokkaner und Tunesier werden sofort abgeschoben

In Algeciras, einem der Hauptorte für ankommende Migranten an der Südküste, eröffnet heute ein neues Versorgungszentrum. Es ist eine einfache Lagerhalle, zum Teil ohne Fenster. Stockbett steht an Stockbett. 24 bis 48 Stunden sollen Migranten hier untergebracht werden.

Das Zentrum bietet Platz für 600 Menschen, erklärt Domingo Briones von der Ausländerbehörde Algeciras. "Wir versuchen hier, die Identität der Migranten festzustellen. Hauptsächlich handelt es sich ja um Wirtschaftsflüchtlinge, die im Moment an der spanischen Küste ankommen." Anschließend würden die Menschen auf andere Unterkünfte verteilt.

Werden sie als Marokkaner oder Tunesier identifiziert, folgt gleich die Abschiebung in die Heimatländer. Das regeln Rückführungsabkommen. Doch die allermeisten Migranten kommen aus Ländern südlich der Sahara, die Identifizierung dauert oft Wochen oder Monate. So lange dürfen sie in Spanien bleiben.

Das neue Zentrum dürfte sich in den nächsten Tagen nicht allzu schnell füllen: Anfang der Woche kamen täglich nur noch etwa 100 Migranten an, seit Mittwoch so gut wie gar keine mehr. Von den örtlichen Behörden heißt es, dass der Wind auf dem Mittelmeer gedreht hat - er weht nun kräftig aus Richtung Osten und sorgt für hohe Wellen. Die Überfahrt in Schlauchbooten nach Spanien ist daher deutlich schwieriger geworden.

Regierungspartei im Umfragehoch

Aus den Orten an der Südküste hört man kaum etwas über Fremdenfeindlichkeit - oder dass den Anwohnern die Menschen aus Afrika zu viel geworden wären.

Grundsätzlich seien Spanier tolerante Menschen, meint Ignacio aus Madrid. Die meisten unterstützen offenbar die liberale Flüchtlingspolitik der aktuellen Regierung. Wäre heute Parlamentswahl, käme die sozialistische Partei auf knapp 30 Prozent der Stimmen - sieben Prozentpunkte mehr als noch im Frühjahr. Sie ist damit im Moment die beliebteste im Land. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts CIS.

Doch die Toleranz der Spanier könnte auch einen anderen Grund haben: Sie wissen, dass die meisten Migranten nicht bleiben wollen. Viele haben Verwandte in Frankreich und möchten dorthin weiterziehen. Spanien ist in vielen Fällen also nur ein Transitland.

Eine Woche danach: Wie denkt Spanien über den Migrantenansturm aus Afrika?
Oliver Neuroth, ARD Madrid
03.08.2018 12:39 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Dieser Beitrag lief am 03. August 2018 um 12:50 Uhr auf NDR Info.

Darstellung: