Flüchtlingscamp bei Pazarkule in der Nähe der türkisch-griechischen Grenze (Foto vom 10. März 2020) | Bildquelle: AP

Flüchtlinge in der Türkei "Warum lassen sie uns nicht endlich gehen?"

Stand: 14.04.2020 10:54 Uhr

Die Türkei macht Politik mit Flüchtlingen. Immer wieder provoziert sie humanitäre Krisen, um die EU unter Druck zu setzen. Leidtragende sind die Flüchtlinge. Sie erheben schwere Vorwürfe.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul

"Ich möchte nicht mehr nach Griechenland. Ich will einfach nur noch hier raus, auch wegen meinem Kind, aber sie lassen uns nicht." Samira, die in Wirklichkeit anders heißt, hat mehrere Sprachnachrichten geschickt. Sie sei derzeit in einem Abschiebelager in Malatya, im Osten der Türkei. Die junge Migrantin, die darum bittet, ihre Identität zu schützen, ist verzweifelt. Sie hat allen Grund dazu, in den letzten Wochen hat sie vieles mitgemacht.

Ausharren an der Grenze

Anfang März nahe dem türkischen Grenzübergang Pazarkule an der Grenze zu Griechenland: Wie Tausende andere Migranten war Samira mit ihrer Familie dorthin gekommen, nachdem sie im türkischen Fernsehen gehört hatte, dass die Tore in die EU offen seien. Doch alles kam anders. Wochenlang harrte Samira unter schwierigen Bedingungen aus, zum Teil im Freien. Ende März räumten schließlich türkische Sicherheitskräften die provisorischen Zeltlager und brachten die Flüchtlinge, darunter Samira und ihre Familie, mit Bussen fort. Eine Sicherheitsmaßnahme auf Grund von Covid-19, heißt es aus dem türkischen Innenministerium.

"Uns wurde gesagt, man nehme uns in Quarantäne für zwei Wochen, danach könnt ihr gehen, wohin ihr wollt", erzählt Samira. Seit 18 Tagen sei sie nun aber bereits hier in der Osttürkei, mehrmals habe sie darum gebeten, nun gehen zu können, zurück in die türkische Stadt, in der sie seit einigen Jahren lebt. Doch man habe ihr gesagt, sie müsse bleiben. "Im Lager ist alles schwierig: Das Essen ist etwas knapp und die Hygiene schlecht - ich habe nicht einmal geduscht seit ich hier bin. Seit mehr als einem Monat hab ich nun schon nicht mehr geduscht." Samira hat Sorge, dass man sie wieder an die Grenze bringen könnte, sie habe von zahlreichen solchen Fällen gehört.

Traum von Europa

Viele der Flüchtlinge träumen noch immer von Europa, erzählt Nayun, ein Flüchtling aus dem Iran. Auch er möchte seinen echten Namen nicht in den Medien lesen. "Die türkischen Behörden haben in den Abschiebelagern herumgefragt: Wer will nach Europa, den bringen wir zurück nach Pazarkule." Daraufhin hätten sich viele gemeldet. Erst unterwegs sei den Migranten mitgeteilt worden, dass man sie statt direkt an die griechische Grenze nun an die Küste bringe.

Flüchtlingscamp bei Pazarkule in der Nähe der türkisch-griechischen Grenze (Foto vom 10. März 2020) | Bildquelle: AP
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Flüchtlingscamp bei Pazarkule vor der Räumung

"Kein Essen, kein Trinken"

Rund 250 Flüchtlinge sollen am vergangene Wochenende aus einem Abschiebelager in die Nähe des türkischen Küstenorts Ayvacik gebracht worden sein, das berichtet die türkische Onlinezeitung Duvar und zitiert einen betroffenen Flüchtling: "Die Polizei hat uns hier abgesetzt und ist weggefahren. Wir schlafen im Freien, haben kein Essen, kein Trinken. Keiner kümmert sich. Uns wurde gesagt, dass wir von hier nach Griechenland können."

Nur wenige Kilometer entfernt liegt die griechische Insel Lesbos. Ein Anwohner auf der türkischen Seite bestätigt dem ARD-Studio Istanbul: Am Samstag seien Busse mit mehreren hundert Menschen angekommen. Er habe mitbekommen, dass die Migranten von Schmugglern angesprochen worden seien. "Aber die Flüchtlinge hatten kein Geld", berichtet er, die Schmuggler seien wieder abgezogen. Die Flüchtlinge haben sich daraufhin verteilt, wo genau sie jetzt seien, könne er nicht sagen.

Amnesty: Türkei agiert rücksichtslos

Andrew Gardner von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International ist alarmiert, auch ihm liegen Berichte von betroffenen Flüchtlingen vor. "Soweit wir wissen, wurden zwar keine Flüchtlinge dazu gedrängt, über das Meer überzusetzen, aber sie wurden in eine Lage gebracht, in der sie nicht wissen, wo sie hin sollen, noch dazu direkt an der Küste. Das ist besorgniserregend." Das Vorgehen der türkischen Behörden bezeichnet er als rücksichtslos. Es bringe ohnehin schutzbedürftige Flüchtlinge in noch größere Not.

Nayun, der Flüchtling aus dem Iran, erzählt zudem von einem Papier, das viele der Flüchtlinge unterschreiben mussten. Der Inhalt ist brisant: Die Migranten verpflichten sich, innerhalb eines Monats die Türkei zu verlassen, andernfalls schiebe man sie in ihr Heimatland ab.

Auch Andrew Gardner von Amnesty International hat von diesem Vorwurf gehört, mehrere Flüchtlinge haben ihm davon berichtet. "Es scheint so, als hätten diese Menschen ein Papier unterschrieben, in dem sie bestätigen, dass gegen sie bereits eine Abschiebung läuft, obwohl das gar nicht der Fall ist."

Mitverantwortung der EU?

Aus Sicht des Menschenrechtlers ist die EU mitverantwortlich, dass es überhaupt zu Ereignissen wie zuletzt in Pazarkule kommen konnte, die nun womöglich an der Ägäisküste ihre Fortsetzung nehmen. "Wir sprechen nicht einmal von einer besonders hohen Zahl an Menschen, vielleicht einige tausend. Es gibt keinen Grund, weshalb die EU es abgelehnt hat, sie aufzunehmen. Es hat dazu beigetragen, dass dieses politische Spiel weitergeht - und es ist offensichtlich, dass die Flüchtlinge den Preis dafür bezahlen müssen."

Samira, die noch im Abschiebelager weit weg von der Küste sitzt, erzählt von Gerüchten, dass bereits in den kommenden Tagen weitere Flüchtlinge an die Grenze gebracht werden sollen - diesmal aus ihrem Lager. Ihre Angst: Wenn sie sich weigert, könnte man sie in ihr Heimatland abschieben. Die Unsicherheit mache sie mürbe: "Warum lügen sie uns ständig an? Alles bis jetzt war gelogen. Warum lassen sie uns nicht endlich gehen?"

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