Amnesty International

Amnesty spricht von mehr als 17.000 Toten Syriens mörderische Gefängnisse

Stand: 18.08.2016 02:03 Uhr

Amnesty International prangert Folter, Misshandlungen und katastrophale Haftbedingungen in syrischen Gefängnissen an. Mehr als 17.000 Tote habe es dadurch seit 2011 gegeben. Überlebende berichten von unfassbarer Brutalität.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

Diab Serrih verbrachte fünf Jahre im Militärgefängnis Saidnaya. Im März 2006 war er verhaftet worden, weil er die Regierung kritisiert hatte. "Immer mal wieder kursieren in den sozialen Medien Fotos von Leuten, die 100 oder 110 Kilo wogen, als sie in das Gefängnis kamen - und dann nur noch 45 oder 40 Kilo, als sie wieder raus kamen", sagt er.

Saidnaya ist berüchtigt. Dort sind die Haftbedingungen noch schlimmer als andernorts. Wie Diab Serrih gehört auch Salam Othman zu denen, die Saidnaya überlebt haben. Der Anwalt aus Aleppo kam im September 2011 hinter Gitter, weil er friedliche Proteste gegen die Regierung organisiert hatte.

Augenzeugen: Wärter begrüßten Häftlinge mit Gewalt

Den Mitarbeitern von Amnesty International schilderte auch er seine Erlebnisse. Schon bei seiner Ankunft habe er die Rufe der Wärter gehört. "Sie freuten sich darauf, die Häftlinge 'begrüßen' zu können. Gleich, als sie die Türen des Lasters geöffnet hatten, griff sich jeder Wärter einen Häftling und begann, ihn zu verprügeln."

In den Stützpunkten der Geheimdienste werden die Festgenommenen gefoltert, um Geständnisse zu erpressen. Nach ihrer Verurteilung kommen sie dann nach Saidnaya. Dort hat die Folter den Zweck, Menschen zu bestrafen, zu erniedrigen: Elektroschocks, Vergewaltigungen, das Ziehen von Finger- oder Fußnägeln, Verbrühen, Verbrennen mit Zigaretten, Schläge auf die Sohlen - und immer wieder werden Häftlinge schlicht zu Tode geprügelt.

Offenbar gezieltes Zu-Tode-Prügeln

Salam Othman, der Anwalt, erlebte, was passierte, als Wärter herausfanden, dass ein inhaftierter Kung-Fu-Trainer seine Mithäftlinge in der Kampfsportart unterrichtet hatte: Die Aufseher prügelten den Trainer und fünf weitere Häftlinge sofort zu Tode, die 14 anderen im Laufe der Woche. Othman sah, wie das Blut aus der Zelle floss.

Mit einer Haftanstalt im herkömmlichen Sinn hat Sednaya nichts zu tun. Für Philip Luther von Amnesty International ist das Gefängnis nur dazu da, die Häftlinge zu zerstören. Die Haftumstände sind fürchterlich, die täglichen Foltermethoden sind grausam und erniedrigend. Wer dort wieder rauskommt, ist gebrochen - wenn er denn überhaupt wieder rauskommt.

Amnesty: Jeden Monat mehr als 300 Tote

Über Jahrzehnte hatte die syrische Regierung foltern lassen, um ihre Kritiker zum Schweigen zu bringen. Mit dem Beginn des sogenannten Arabischen Frühlings wurde das Regime noch grausamer: Amnesty International kann nachweisen, dass zwischen dem Beginn des Aufstands gegen die Regierung im März 2011 und Dezember vergangenen Jahres landesweit fast 18.000 Menschen in Haft ums Leben kamen - das sind mehr als 300 Tote jeden Monat.

In den zehn Jahren davor waren es im Durchschnitt drei oder vier Tote im Monat. Und Amnesty geht von einer hohen Dunkelziffer aus: Weil Zehntausende Häftlinge als vermisst gelten, seien die tatsächlichen Opferzahlen wesentlich höher.

An Russland appelliert die Menschenrechtsorganisation, die syrische Regierung im UN-Sicherheitsrat und vor dem Internationalen Strafgerichtshof nicht länger zu beschützen. Dieser "schändliche Verrat" an der Menschlichkeit müsse sofort aufhören, so Amnesty.

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