Fischerboote im Hafen von Boulogne-sur-mer | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Weltspiegel-Reportage Die Sorgen der Fischer von Boulogne

Stand: 29.11.2020 11:13 Uhr

Im größten Fischerei-Hafen Frankreichs, steigt die Nervosität. Ohne Einigung bei den Brexit-Verhandlungen zum Thema Fischerei verlieren die Fischer einen großen Teil ihrer Fanggebiete. Die Zeit wird knapp. 

Von Friederike Hofmann, ARD-Studio Paris 

Um 2.30 Uhr herrscht Hochbetrieb am Hafen von Boulogne-sur-Mer. An den Kais haben bereits mehrere Fischkutter festgemacht. Auch die "Saint Jacques II" von Kapitän Ludwig Margollé kommt von ihrer 24-stündigen Tour auf dem Ärmelkanal zurück und fährt durch die Schleuse in den Hafen ein. Das 22 Meter lange Schiff hat mehr als eine Tonne Fisch dabei, der Großteil Kalmare, die gerade Saison haben.

Französische Fischer fürchten den Brexit
Weltspiegel 19:20, 29.11.2020, Friederike Hofmann, ARD Paris

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Die Besatzung holt mit einem Kran orangefarbene Kisten mit dem Fang aus dem Schiffsbauch nach oben. Kleine Gabelstapler flitzen über den Kai und holen sie ab. "Die Fische werden hier auf der Auktion zum Verkauf angeboten", sagt Kapitän Margollé. Boulogne-sur-mer ist Dreh- und Angelpunkt für den europäischen Fischhandel. An kaum einem Ort wird der Brexit so sichtbar wie hier. 

Viele Fanggebiete der Fischer aus Boulogne-sur-Mer befinden sich in englischen Gewässern. Auch Margollé fischt dort - wie Generationen von Fischern aus Boulogne-sur-Mer. Knapp die Hälfte seines Fangs kommt aus dem britischen Hoheitsgebiet. 

Die Saint Jacques II am frühen Morgen im Hafen von Boulogne-sur-Mer. | Bildquelle: ARD-Studio Paris
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Wenn die "Saint Jacques II" am Morgen im Hafen eingelaufen ist, steht noch die Fischauktion an.

Britische Gewässer plötzlich tabu 

Manchmal fährt er mit seinem Kutter 24 Stunden lang vor die Küste Mittelenglands bei Grimsby, um dort zu fischen. Viele Fischer aus Boulogne holen noch deutlich mehr ihres Fangs von dort. Die britischen Gewässer sind besonders reich an Fischen, das macht sie attraktiv.

Wenn es keine Einigung beim Brexit-Abkommen über Fischereirechte gibt, sind diese Gebiete für die französischen Fischer tabu. Kapitän Margollé kann es immer noch nicht glauben: "Es ist dann vorbei. Am 1. Januar ist es dann einfach vorbei." 

Viele Fischer aus Boulogne-sur-Mer würde das extrem hart treffen. Laut Bürgermeister Frédéric Cuvillier kommen 60 Prozent des Fangs aus britischen Gewässern. Rund 5000 Arbeitsplätze hängen hier an der Fischerei.  

Gemeinsame Interessen

Boulogne-sur-Mer ist gleichzeitig auch Umschlagplatz für britischen Fisch. Die EU ist mit Abstand der größte Abnehmer für Fisch aus britischen Gewässern. Auch ihr Fisch wird in Boulogne-sur-Mer verkauft. Boulogne-sur-Mer würde es doppelt treffen. Je nachdem, welche Zölle verhängt werden, wird alles komplizierter. "Auch die britischen Fischer haben eigentlich ein Interesse an einem Abkommen mit der EU", so Thierry Missonnier, Direktor des Fischerverbund "From Nord".  

Trotzdem ist kaum ein Bereich bei den Brexit-Verhandlungen so umkämpft. Auch wenn die Fischerei nur einen kleinen Teil des wirtschaftlichen Volumens eines möglichen britisch-europäischen Handelsabkommens ausmacht, ist sie zu einem elementaren Zankapfel geworden. Großbritanniens Premier Boris Johnson will das Versprechen einlösen, das er den Briten gegeben hat: Das Vereinigte Königreich will die Hoheit über seine Gewässer zurück.

Die Briten wollen ihre bisherigen vertraglichen Verpflichtungen loswerden und neue Vereinbarungen über Fangrechte und Zugang zu ihren Gewässern treffen. Sie wollen die Fangquoten der europäischen Fischer künftig jedes Jahr neu verhandeln.  

Die Fischer sortieren ihren Fang im Bauch des Schiffes. | Bildquelle: ARD-Studio Paris
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Der Brexit entscheidet auch darüber, was aus den Jobs der Fischer der "Saint Jacques II" wird.

Am Fisch hängt der Brexit-Deal 

Aber die Europäer und insbesondere Frankreich sind auf die Fanggebiete angewiesen. Deshalb will gerade Frankreich eine längerfristige Lösung für die Fischer.

"Alles, was mit Fischerei zusammenhängt, ist Teil des globalen Brexit-Abkommens. Solange es keine befriedigende Lösung für die Interessen der europäischen Fischerei gibt, solange gibt es kein globales Abkommen für den Brexit", sagt Missonnier von "From Nord". Das Problem sei aber, dass die Fischerei nur ein Thema von vielen ist. "Und die Fischerei wiegt wirtschaftlich für Europa nicht besonders schwer. Aber für uns ist sie lebenswichtig". 

 No Deal bedeutet: Weiterfahrt verboten

Ohne Einigung wird es wieder eine Seegrenze zwischen Großbritannien und der EU geben. "Falls es wirklich zu einem 'No Deal' kommt, dann bedeutet das für uns, dass wir erstmal gar nicht mehr in britischen Gewässern fischen dürfen", sagt Missonnier.

Wirtschaftliche Aspekte seien dabei nur ein Teil des Problems. Die EU habe bisher auch die Regeln für Fangquoten gemacht, sagt er. Ohne Deal seien die Briten an solche europäischen Regelungen nicht mehr gebunden. 

Die Fischer holen am Morgen das Netz ein. | Bildquelle: ARD-Studio Paris
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Wird der Ärmelkanal auch künftig für die französischen Fischer durchlässig sein?

Fanggebiete im Norden werden immer wichtiger 

Die "Saint Jacques II" ist wieder unterwegs, zieht heute vor Calais ihre Kreise. Dort, wo gerade die Kalmar-Schwärme durchziehen, wird mehrmals am Tag das Netz ausgefahren. Über den Funk hört man die Küstenwache von Dover. "Wir sind sieben Kilometer von Frankreich entfernt und gut 20 Kilometer von der britischen Küste", sagt er. An der Straße von Dover, die in Frankreich "Die Straße von Calais" ist, sind Großbritannien und Europa so nah wie nirgendwo sonst.  

Die Fanggebiete im Norden werden für Margollé immer wichtiger. Durch die Erwärmung des Wassers seien manche Arten nur noch weiter nördlich zu finden. "Die Fischarten ändern sich. Es gibt hier keinen Kabeljau mehr. Früher gab es große Exemplare hier. Das ist vorbei", sagt er.  

Die Fischer aus Boulogne-sur-mer bereiten sich auf das Schlimmste vor. Manche denken schon daran aufzuhören. "Bei einigen meiner Kollegen stellt sich die Frage. Ich persönlich werde weitermachen - trotz aller Restriktionen", sagt Kapitän Margollé. Die Zeit, eine Lösung auf politischer Ebene zu finden, wird immer knapper. 

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag im Weltspiegel - um 19.20 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste im "Weltspiegel" am 29. November 2020 um 19:20 Uhr.

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