"Marsch der Muslime gegen den Terrorismus" | Bildquelle: dpa

Nach Terroranschlägen Frankreichs Kampfansage an Islamisten

Stand: 14.11.2020 05:00 Uhr

Im französischen Drancy kann Imam Chalghoumi nur mit Polizeischutz seiner Aufgabe nachgehen: Er setzt sich gegen die Radikalisierung junger Muslime ein - und für einen europäischen Islam.

Von Friederike Hofmann, ARD-Studio Paris

Ein Auto mit abgedunkelten Scheiben fährt vor die Moschee von Drancy im Norden von Paris. Imam Hassen Chalghoumi kommt zum Gebet - begleitet von zwei bewaffneten Sicherheitsleuten. Chalghoumi steht seit Jahren unter Polizeischutz. Wenn viele Menschen zum Gebet da sind, muss der Imam eine schusssichere Weste tragen. "Wir sind doch nicht in Bagdad oder in Syrien. Wir sind hier in Paris, in Frankreich, in Europa. Das ist traurig", stellt er kopfschüttelnd fest.

Radikaler Islamismus in Frankreich
Europamagazin, 13.11.2020, Friederike Hofmann, ARD Paris

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Nach dem islamistischen Anschlag auf den Lehrer Samuel Paty Mitte Oktober legte er vor dessen Schule Blumen nieder. Seit den Anschlägen in den vergangenen Wochen ist er im Dauereinsatz. "Es macht mich wütend und traurig. Warum? Weil Menschen, Individuen und viele Gruppen meine Religion beschmutzen."

Chalghoumi ist in Frankreich eine Berühmtheit. Er steht für einen aufgeklärten Islam. Er verteidigt die Werte der Republik. Er kämpft für den französischen Laizismus, also die Trennung von Staat und Religion. "Ich bin Europäer und darauf bin ich stolz. Diese Zivilisation ist beispielhaft", sagt Chalghoumi, der 1972 in Tunis geboren wurde und seit 2000 die französische Staatsbürgerschaft besitzt.

Imam Hassen Chalgoumi | Bildquelle: ARD Studio Paris
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Imam Hassen Chalgoumi muss zum Gebet oft eine beschusshemmende Weste tragen.

Morddrohungen gegen Imam

Seit Jahren kämpft Chalghoumi gegen Radikalisierung. Es brauche einen europäischen Islam, der die Gesetze des Landes über allem respektiere, beharrt er. Er prangert an, dass viele Muslime seiner Meinung nach eine Opferrolle einnehmen.

"Wenn man in die Köpfe pflanzt: 'Ihr seid Opfer der Kolonialisierung, des Imperialismus oder des Liberalismus' - wozu soll das führen, Opfer zu sein? Das führt leider zu dem Bedürfnis, Rache zu üben."

Chalghoumi zahlt für seine offenen Worte einen hohen Preis. Für radikale Islamisten ist er ein rotes Tuch. Er wird bedroht. Seit dem Anschlag auf den Lehrer Samuel Paty haben Morddrohungen gegen ihn noch einmal deutlich zugenommen.

In einem Interview stellte er einmal fest, dass er ohne Personenschutz wahrscheinlich längst ermordet worden wäre.

Radikalisierung wurde lange nicht angepackt

Es gebe einen Konflikt zwischen Islamisten und der Mehrheit der Franzosen, zu denen auch die Mehrheit der Muslime gehöre, stellt der international renommierte Islamkenner Gilles Kepel von der Universität Sciences Po in Paris fest.

Das Thema Radikalisierung von Muslimen in Frankreich wurde viele Jahre nur stiefmütterlich behandelt. Emmanuel Macron ist der erste französische Präsident, der deutlich ausspricht, dass sein Land ein Problem damit hat. "Der radikale Islamismus - denn dieser steht hier im Mittelpunkt, das müssen wir ganz offen sagen - will ganz eindeutig und mit einem methodischen Vorgehen die Gesetze der Republik missachten und eine Parallelgesellschaft schaffen", erklärte er bei einer Rede Anfang Oktober.

Ramadan
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Welche Werte werden vermittelt? Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Muslime die Scharia über die Gesetze des Landes stellt.

Scharia gilt als wichtiger als französische Gesetze

Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes IFOP, die im November veröffentlicht wurde, geben 57 Prozent der Muslime unter 25 Jahre an, dass sie die Scharia - die islamische Rechtsordnung - als wichtiger erachten als die Gesetze der französischen Republik.

Die Werte der Republik will Macron zurück zu den Menschen bringen. Im Dezember soll sein Plan gegen Radikalisierung Gesetz werden. Schulen spielen dabei eine zentrale Rolle. Denn immer mehr Kinder aus benachteiligten Vierteln besuchen keine staatliche Schule, stattdessen werden sie zu Hause unterrichtet. Laut Macron stellen Behörden immer häufiger fest, dass Kinder von islamistischen Predigern unterrichtet werden.

Vom kommenden Schuljahr an soll damit Schluss sein: Kinder ab drei Jahren dürfen dann nur noch aus gesundheitlichen Gründen zu Hause unterrichtet werden. Imame sollen künftig in Frankreich ausgebildet werden. Die bislang gängige Praxis, Imame aus dem Ausland zu holen, soll dann enden.

Außerdem soll die Finanzierung von Moscheen und islamischen Vereinen stärker kontrolliert werden. Nach den jüngsten Attentaten wurden bereits Organisationen verboten, die unter dem Deckmantel humanitärer Arbeit islamistische Propaganda verbreitet haben sollen. Auch die Moschee in dem Pariser Vorort Pantin wurde geschlossen. Von dort war offenbar auf Facebook ein Video geteilt worden, in dem der Unterricht des ermordeten Lehrers Paty angeprangert worden war.

Ein Schild von Ummah charity | Bildquelle: ARD Studio Paris
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Die Organisation "Ummah Charity" gab sich als Hilfsorganisation für Muslime aus - und verbreitete islamistische Propaganda.

Macrons Plan stößt auf Widerstand

Macrons Kampfansage an radikale Muslime stößt auf Widerstand: Den Rechten geht er nicht weit genug, die Linken kritisieren die Stigmatisierung der Religion an sich. Imam Chalghoumi aus Drancy unterstützt hingegen den Präsidenten: "Ich finde es mutig, dass der Präsident den Separatismus so klar benannt hat. Das Wort passt genau. Da wollen Menschen sich abgrenzen und erkennen die Gesellschaft nicht an."

Chalghoumi hofft, dass sich nun, da das Thema in Frankreich so präsent sei, auch endlich etwas bewege. Gleichzeitig fordert er: "Wir müssen geschlossen zusammenstehen."

Mehr zum Thema sehen Sie am Sonntag, 15. Oktober um 12.45 Uhr im Europamagazin - im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Europa am 15. November 2020 um 12:45 Uhr.

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