Demonstranten in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad verbrennen eine französische Flagge. | Bildquelle: dpa

Proteste gegen Mohammed-Karikaturen Frankreich warnt seine Bürger im Ausland

Stand: 27.10.2020 15:22 Uhr

Nach dem brutalen Mord an einem Lehrer in Frankreich hatte Präsident Macron das Zeigen von Mohammed-Karikaturen verteidigt. Seither ist die Empörung in vielen muslimischen Ländern so groß, dass Frankreich seine Bürger warnen muss.

Nach dem Mordanschlag eines mutmaßlichen Islamisten auf einen Geschichtslehrer hat Frankreich seine im muslimischen Ausland lebenden Bürger zu größerer Vorsicht aufgerufen. Das französische Außenministerium gab auf seiner Internetseite neue Sicherheitshinweise für Indonesien, Bangladesch, Mauretanien, den Irak und die Türkei bekannt.

Die Franzosen sollten sich von Protesten gegen die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen fernhalten und öffentliche Versammlungen meiden, hieß es darin. "Es wird empfohlen, besonders auf Reisen und an Orten, die von Touristen oder Auswanderergemeinschaften besucht werden, äußerste Wachsamkeit zu üben."

Lehrer soll wegen Karikaturen enthauptet worden sein

Der Lehrer Samuel Paty war Mitte Oktober in einem Vorort von Paris von dem mutmaßlichen Islamisten angegriffen und enthauptet worden. Der tatverdächtige 18-Jährige mit tschetschenischen Wurzeln wurde von der Polizei erschossen. Den Ermittlungen zufolge tötete er Paty, weil der Lehrer in einer Unterrichtsstunde zum Recht auf Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen verwendet hatte.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte nach dem Mord an, die Maßnahmen gegen den konservativen Islam zu verstärken, der die Werte Frankreichs zu untergraben drohe. Karikaturen dürften in Frankreich auch weiterhin veröffentlicht werden. Eine Reihe muslimischer Regierungen kritisierte Macron daraufhin heftig und rief zum Boykott französischer Waren auf - allen voran der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.

In diese Kritik stimmt nun auch der Iran ein. Das Außenministerium habe einen französischen Diplomaten einbestellt und dagegen protestiert, dass Macron die Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohammed verteidige, meldete das iranische Staatsfernsehen. Es sei unklug und bedauerlich, dass Frankreich unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit Hass auf den Islam zulasse. Das Verhalten der französischen Behörden sei "inakzeptabel" und verletze "die Gefühle von Millionen Muslimen in Europa und der Welt".

Tausende protestieren in Dhaka

In Bangladesch gingen Tausende Menschen aus Protest gegen Macron auf die Straße. Sie nahmen an der von einer islamistischen Partei organisierten Demonstration in der Hauptstadt Dhaka teil. Die Protestierenden riefen zum Boykott französischer Waren auf und verbrannten ein Bild Macrons. Um die Demonstranten von der französischen Botschaft fernzuhalten, baute die Polizei Sperren aus Stacheldraht auf. Die Veranstalter sprachen von mehr als 50.000 Teilnehmern.

Der Protest wurde von "Islami Andolan", einer der größten islamistischen Parteien in dem mehrheitlich muslimischen Land, organisiert. "Macron ist einer der wenigen Anführer, die Satan anbeten", sagte Parteivertreter Ataur Rahman auf der Kundgebung. Rahman forderte die Regierung von Bangladesch auf, den französischen Botschafter auszuweisen. Ein weiterer Parteivertreter drohte, die Demonstranten würden "jeden Ziegelstein" der Botschaft "niederreißen", falls der französische Gesandte im Land bleibe.

Juristische Schritte gegen "Charlie Hebdo" geplant

Der Rat der Muslimischen Weisen, der seinen Sitz in Abu Dhabi hat, kündigte sogar an, gegen die in Frankreich erscheinende Satirezeitung "Charlie Hebdo" und gegen "alle, die den Islam beleidigen", juristische Schritte einzuleiten. Mit dieser Aufgabe solle ein Rat aus international tätigen Juristen beauftragt werden, teilte das Gremium mit. Die Redaktion von "Charlie Hebdo" war nach der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen im Januar 2015 Ziel eines islamistisch motivierten Terroranschlags gewesen.

Im Rat der Muslimischen Weisen, in dem muslimische Würdenträger aus mehreren Ländern vertreten sind, hat der Große Imam von Al Ashar den Vorsitz. Die angekündigten juristischen Schritte sollen den Angaben zufolge auf alle ausgeweitet werden, die die "heiligen Symbole" des Islam verletzen. Die Meinungsfreiheit müsse dort ihre Grenzen finden, wo Religionen zum Spielball politischer Kräfte und von "Wahlkampfpropaganda" würden, hieß es.

EU-Kommission verurteilt Erdogans Boykott-Aufruf

Unterdessen kritisierte die EU-Kommission den Aufruf Erdogans zum Boykott französischer Produkte. EU-Vereinbarungen mit der Türkei wie die Zollunion sähen einen freien Handel mit Waren vor, sagte ein Sprecher. "Aufrufe zum Boykott von Produkten eines Mitgliedstaates stehen im Widerspruch zum Geist dieser Verpflichtungen." Sie würden den EU-Beitrittskandidaten Türkei "noch weiter von der Europäischen Union entfernen."

Die Türkei ist seit 1963 mit der EU über ein Assoziierungsabkommen verbunden. Seit 1995 gibt es auch eine Zollunion zwischen beiden Seiten. Zudem ist die Türkei seit 1999 EU-Beitrittskandidat. Die Beitrittsgespräche wurden aber wegen der Massenverhaftungen nach einem gescheiterten Militärputsch von 2016 in der Türkei de facto ausgesetzt.

Kritik an Macron in immer mehr muslimischen Ländern
Uwe Lueb, ARD Istanbul
27.10.2020 14:46 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Oktober 2020 um 13:00 Uhr.

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