Zerstörte Häuser in Wielun am 1. September 1939 | Bildquelle: AP

Deutscher Luftangriff auf Wielun Wo der Zweite Weltkrieg begann

Stand: 31.08.2019 23:59 Uhr

Bevor ein deutsches Kriegsschiff am 1. September 1939 die Westerplatte bei Danzig beschoss, fielen Bomben der Luftwaffe auf die polnische Stadt Wielun. Damit begann der Zweite Weltkrieg.

Von Jessica Chmura und Olaf Bock, ARD-Studio Warschau

Jan Tyszler nestelt an seiner dunkelgrauen Anzug-Weste, die er über dem eleganten hellen Hemd trägt. Den weißen Vollbart hat er akkurat gestutzt. Seine Hände faltet er vor dem Bauch. Er steht vor dem Lazienki-Park in Warschau, einer großen Grünanlage in der Warschauer Innenstadt.

Dort wurde gerade eine Freiluft-Bildergalerie eröffnet. Zu sehen sind Fotografien vom zerstörten Krankenhaus, vom verwüsteten Marktplatz in Wielun, der früheren Heimat von Jan Tyszler, zwischen Breslau und Lodz. Der 86-Jährige durchlebt die grausamsten Erinnerungen seines Lebens jedes Mal wieder, wenn er von der Bombennacht am 1. September 1939 erzählt.

Die heulende Sirene am Rathausturm riss den damals Sechsjährigen aus dem Schlaf. Um 4.30 Uhr, sagt er, sei er hochgeschreckt. Keine zehn Minuten später donnerten die deutschen Sturzkampfbomber über die kleine Stadt.

Mit seiner Familie lebte Jan Tyszler am Neuen Markt, im Zentrum. Beim Angriff auf Wielun wurden die Nord- und die Südseite des Marktplatzes völlig zerstört, berichtet er. Im Haus seiner Eltern zerbarsten nur die Fensterscheiben.

Spurensuche in Polen: Wo der Zweite Weltkrieg wirklich begann
tagesthemen 23:35 Uhr, 31.08.2019, Olaf Bock, ARD Warschau

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Auftakt zu grausamer Invasion

Mehr als tausend Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, starben durch die deutschen Bomben in Wielun. Etwa zeitgleich, um 4:47 Uhr, beschoss ein deutsches Kadettenschulschiff überraschend ein Munitionslager auf der Halbinsel Westerplatte in Danzig.

Es war der Auftakt zu einer grausamen Invasion des östlichen Nachbarn. Deutsche Soldaten rückten vor nach Polen. Schon auf dem Weg töteten sie viele Menschen. Vor allem die Zivilbevölkerung litt. Wer konnte, versuchte vor den anrückenden Truppen zu fliehen.

Gegen jüdische Bewohner gingen die deutschen Besatzer von Beginn an besonders brutal vor. Später errichteten die deutschen Besatzer Konzentrationslager, in denen sie Millionen Menschen ermordeten. Zum Ende des Krieges im Jahr 1945 hatte allein Polen sechs Millionen Tote zu beklagen.

Jan Tyszler
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Jan Tyszler (re.) ist nach der Flucht aus Wielun nicht wieder in seine Heimatstadt zurückgegkehrt.


Gedenken in Wielun um 4.40 Uhr

An der Gedenkveranstaltung in Wielun nehmen heute der polnische Präsident Andrzej Duda und der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier teil. Es ist das erste Mal, das ein deutsches Staatsoberhaupt dorthin eingeladen wurde.

An der zentralen Gedenkfeier in Warschau werden Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Steinmeier und der amerikanische Vize-Präsident Mike Pence teilnehmen.

Donald Trump hat seinen Besuch wegen eines drohenden Hurricans in den USA kurzfristig abgesagt. Am Abend soll es noch ein Konzert mit geladenen Gästen geben. Der russische Präsident Wladimir Putin wurde nicht zu den Gedenkfeiern eingeladen.

Polen wünscht sich "Fort Trump"

Rund um den historischen Termin sind auch politische Gespräche geplant. Bundeskanzlerin Angela Merkel will sich voraussichtlich mit dem polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki treffen. Vize-Präsident Mike Pence plant politische Gespräche am Montag.

Dabei könnte es wohl auch um das von Polen gewünschte, sogenannte "Fort-Trump" gehen. Gemeint ist damit die weitere Stationierung amerikanischer Soldaten im Land. Die polnische Bevölkerung hofft bei diesem Treffen vor allem auf eins: Signale für die Visafreiheit für Reisen in die USA.

Außerdem wird in diesen Tagen der Erinnerung innenpolitisch die Diskussion über mögliche Reparationszahlungen in Gang gehalten. Obwohl dieses Thema aus deutscher Sicht juristisch abgeschlossen ist, hat Polen mit einem Parlamentsausschuss ein Gutachten zur Ermittlung von Kriegsschäden anfertigen lassen. Dieses soll demnächst veröffentlicht werden. Es geht wohl um fast 850 Milliarden Dollar. Eine große Summe, die zu einer immensen Forderung führen könnte.

Arhivaufnahme aus dem zweiten Weltkrieg
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Bomber der deutschen Luftwaffe zerstören die polnische Provinzstadt Wielun.

Geld verschafft keine Völkerverständigung

Doch Geld schaffe keine Völkerverständigung, meint der 86-jährige Jan Tyszler. "Nie mehr Hass zwischen der polnischen und der deutschen Nation", ruft er allen am Warschauer Lazienki-Park bei der Ausstellungseröffnung mit den Bildern des zerstörten Wielun zu.

Damals, in der Bombennacht, ist er mit seiner Familie geflüchtet. Durch die brennenden Keller der Stadt, durch Gasschwaden, die durch die Ruinen waberten.

Jan Tyszler ist nicht wieder zurückgekehrt nach Wielun, er hat in Warschau ein neues Zuhause gefunden. Und er spricht viel und immer wieder über das, was er erlebt hat. "Damit das nie wieder passiert", sagt der 86-Jährige.

Arhivaufnahme: Kriegsschiff
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Am 1. September 1939 griff ein deutsches Kriegsschriff die Westerplatte nahe Danzig an.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 31. August 2019 um 23:35 Uhr.

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