Ein Trauernder liegt an dem Maschendrahtzaun, mit dem die Absturzstelle abgesperrt ist. | Bildquelle: REUTERS

737-Absturz in Äthiopien Maschendraht statt Gedenkstätte

Stand: 10.03.2020 02:11 Uhr

Ein Jahr nach dem Absturz einer Maschine der Ethiopian Airlines erinnern Angehörige an die Opfer. Eine offizielle Gedenkstätte gibt es jedoch nicht. Mitarbeiter der Airline haben andere Lösungen gefunden.

Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

An der Unglücksstelle nahe der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba haben sich am Wochenende ein paar hundert Menschen versammelt. Sie trauern und erinnern mit Gesang an die Toten des Boeing-Absturzes vor einem Jahr.

Trauernde Angehörige bei einer Zeremonie für die Absturzopfer in Addis Abeba. | Bildquelle: AP
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Angehörige bei einem Gedenkgottesdienst für die Absturzopfer in Addis Abeba.

"Wir glauben, dass alle Menschen von Gott erschaffen wurden", sagt Shiferaw Hinsermu, der Organisator der Zeremonie. "Darum trauern wir, auch wenn wir keinen der 157 Verstorbenen gekannt haben. Wir wissen nur, dass es Menschen waren."

Sechs Minuten nach dem Start war die Boeing 737 Max von Ethiopian Airlines auf dem Boden aufgeschlagen. Die Absturzstelle ist mit einem Zaun aus Holzpfosten und Maschendraht eingegrenzt. In den vergangenen Monaten ist sie zu einem Pilgerort für trauernde Angehörige geworden. "Wir haben den Familien Essen gebracht", erzählt der Dorfbewohner Gebru Ketema. "Auch Regierungsvertreter waren hier. Uns wurde gesagt, dass hier ein Denkmal oder vielleicht eine Schule oder ein Krankenhaus gebaut werden soll."

Umstrittener Wettbewerb für Gedenkstätte

Eigentlich wollte Ethiopian Airlines am Jahrestag den Gewinner eines Designwettbewerbs für die Gedenkstätte bekannt geben. Weil die Ausschreibung dafür aber erst im Januar gestartet wurde, gab es Proteste von Angehörigen. Sie finden, dass eine so wichtige Entscheidung mehr Zeit braucht.

Mitarbeiter der Fluggesellschaft haben inzwischen ihre eigenen Orte gefunden, um zu trauern. Am Sitz des äthiopischen Pilotenverbandes in Addis Abeba wurde ein Fußballfeld nach dem Kapitän der Unglücksmaschine benannt: Yared Getachew. Er hatte hier jede Woche gespielt. In einer Kathedrale erinnern Gedenksteine an ihn und die 16 anderen Opfer aus Äthiopien.

Mitglieder des äthiopischen Pilotenverbandes spielen auf dem Yared-Getachew-Fußballplatz, benannt nach dem Kapitän der abgestürzten Maschine. | Bildquelle: AFP
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Mitglieder des äthiopischen Pilotenverbandes spielen auf dem Yared-Getachew-Fußballplatz, benannt nach dem Kapitän der abgestürzten Maschine.

Pilotenverband bemängelt Betreuung durch Airline

Der Pilotenverband kritisiert die Betreuung von Mitarbeitern durch die Fluggesellschaft nach dem Absturz. "Ich wäre zufriedener, wenn Ethiopian Airlines Piloten und Kabinencrew mehr Unterstützung angeboten hätte", formuliert der Präsident des Verbandes, Yeshiwas Fentahun, vorsichtig. "Aber das ist nicht passiert. Wenn du die Leute, die an Bord gearbeitet haben, persönlich gekannt hast, und dann musst du wieder eine Maschine fliegen - das ist nicht einfach."

Darum hat der Verband jetzt selbst Anlaufstellen für Piloten eingerichtet, wo sie psychologische Unterstützung bekommen. Untersuchungsberichte zeigen, dass vermutlich eine fehlerhafte Steuerungsautomatik die Boeing-Maschinen Richtung Boden lenkte. Die Piloten sollen nicht ausreichend für den Umgang mit der Elektronik geschult worden sein. Einige Monate vor dem Unglück in Äthiopien war schon eine baugleiche Maschine vor der indonesischen Insel Java abgestürzt.  

Angehörige legen bei einer Zeremonie in der französischen Botschaft in Addis Abeba Blumen für die Opfer nieder | Bildquelle: REUTERS
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Bei einer Zeremonie in der französischen Botschaft in Addis Abeba legen Angehörige Blumen für die Opfer nieder.

Am heutigen Jahrestag soll es eine weitere Gedenkveranstaltung geben. Bei der Feier am Wochenende umkreisten Reiter auf bunt geschmückten Pferden die Absturzstelle. Sie trugen schwarze und weiße Fahnen - als Symbol für die Trauer und als Zeichen dafür, dass ein Jahr nach dem Absturz das Leben weitergehen muss.

"Wir haben seit dem Unglück getrauert", sagt die Anwohnerin Adde Siqe Yigabu Dajane. "Es hätten auch unsere eigenen Angehörigen an Bord sein können. Aber jetzt wird es Zeit, dieses Kapitel abzuschließen."

Ein Jahr nach dem Boeing-Absturz - Äthiopien trauert um die Opfer
Antje Diekhans, ARD Nairobi
09.03.2020 18:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 10. März 2020 um 05:11 Uhr.

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