"Gelbwesten" an der Autobahn | Bildquelle: Camille Despierres

"Gelbwesten" in der Provinz Geeint in unendlicher Wut

Stand: 15.12.2018 12:57 Uhr

Nicht alle "Gelbwesten" protestieren in Paris. Viele bleiben in der Provinz, blockieren Straßen und wollen sich durch nichts stoppen lassen. Was macht die Menschen bloß so wütend?

Von Barbara Kostolnik, ARD-Studio Paris, zzt. Soissons

Ein schwerer Lkw fährt durch den Kreisverkehr vor Soissons im Nordosten Frankreichs. Der Fahrer hupt. Er unterstützt die Proteste der "Gelbwesten", obwohl er mindestens eine Stunde im Stau stand. Ein Mann ist auf dem Weg zur Arbeit. "Das ist schon legitim, was die machen", sagt er, "es wird nur nichts bringen."

Das glauben Yvette und Chantal ganz und gar nicht. Die beiden Rentnerinnen, 72 Jahre, stehen am Kreisverkehr, sie tragen "Gelbwesten", ein fester Blick: "Wir sind gegen diese Regierung, wir haben unsere Forderungen gestellt", sagen sie. "Wenn die Regierung die nicht erfüllt, dann bleiben wir hier, bis Weihnachten und länger." Ihre Kinder und Enkel sollen es besser haben.

Yvette bekommt 1000 Euro Rente im Monat. Sie will sich nicht beklagen. Auch die Kälte mache ihr nichts aus. "Wir machen Feuer, und da hinten gibt es eine Hütte, wir weichen nicht."

"Das ist eine Schande"

Auf der anderen Seite des Kreisverkehrs ist die Jugend versammelt, Julien, 20 Jahre alt, ein Hüne mit einer gelben Weste, Holzfäller von Beruf. "Mir reicht es einfach mit den ganzen Steuern", sagt er, "die nehmen uns doch alle auf den Arm, das ist eine Schande." Den Franzosen helfe man nicht. "Aber den Migranten schon, das ist nicht normal."

100 Meter hinter dem Kreisverkehr haben die "Gelbwesten" - illegalerweise - eine Hütte und eine Suppenküche aufgebaut. Es gibt alles: von allen für alle. "Die Leute bringen uns alles mögliche vorbei", sagt Marie-Catherine, die hinter der Theke hin- und herwuselt. "Ravioli, Cafe, selbstgebackenen Kuchen, wir haben sogar einen Herd und einen Kühlschrank", sagt sie. "Seit dem 17. November kommen die Leute und bringen, was sie können."

Die "Gelbwesten"-Gemeinde vor dem Café Gosports, wie sie ihren Treff genannt haben, ist eine verschworene Gemeinschaft: Sie eint vor allem eins: unendliche Wut auf die Regierung und den Präsidenten, denen sie alles zutrauen. Alles Schlechte.

In einer Tonne brennt ein Feuer im HIntergrund ein Polizeiwagen | Bildquelle: Camille Despierres
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Protestlager in Soissons: Hier sammeln sich die Menschen, die auf ein besseres Frankreich hoffen.

"Dieser arrogante Kerl"

"Schauen Sie sich doch mal diese Leute an der Regierung an, wie die sich die Taschen vollstopfen", schimpft Alain, "und dann dieser Präsident, dieser arrogante Kerl, der uns verachtet und als Nichtsnutze beschimpft, die sind alle sowas von hochnäsig und hören uns einfach nicht zu". Alain würde den Präsidenten am liebsten in die Wüste schicken, er glaubt ihm kein Wort.

"Es reicht, wir haben jahrelang die Linken gewählt, die Rechten, und jetzt sitzen wir in der Scheiße." Für wen er bei der letzten Wahl gestimmt hat? "Ich habe die Extremen gewählt, also nicht die Extremen, Marine Le Pen. 50 Jahre haben uns die anderen das Blaue vom Himmel versprochen, und nichts ist passiert."

Am Kreisverkehr sammelt sich das einfache Frankreich, das Frankreich der Dörfer, das sich der Digitalisierung und der Globalisierung hilflos ausgeliefert sieht, dem eine gemeinsame Idee von Frankreich abhandengekommen ist.

Die gelben Westen bieten eine neue Heimat: "Wir haben seit dem 17. November ständig neue Leute kennengelernt", schwärmt die 30-jährige Amelie. Sie steht an einer Tonne, in der Holz brennt und wärmt sich. "Wir sind eine große Familie, trotzen Wind und Wetter, das ist herzlich hier und gesellig, das ist das Wichtigste."

Zwei "Gelbwesten" am Essensstand | Bildquelle: Camille Despierres
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"Gelbwesten" am Essensstand: Eine verschworene Gemeinschaft gegen die Regierung.

Sie wollen nicht weichen

"Das gallische Volk", steht auf einer Hütte auf einem Schild. Es ist ein kriegerisches Volk, hier wollen sie nicht weichen, sondern sich organisieren. Gerade haben sie einen Sprecher gewählt: Frederic, 42, ehemals Lkw-Fahrer. "Macron sollte zurücktreten, der ist kein legitimer Präsident."

Wer könnte ihn ersetzen? "Jemand, der das Volk im Blick hat und zwar mehr als Europa, der mehr an Frankreich, an die Franzosen denkt."

Oben am Kreisverkehr kommt die Polizei mit Blaulicht angefahren. Jaqui macht sich darüber lustig. "Uns total egal. Sie haben uns schon ein paar Mal verjagt, aber sobald sie weg sind, sind wir wieder da", sagt er. "Sie löschen das Feuer, wir zünden es wieder an."

Mann mit gelber Weste und Transporter | Bildquelle: Camille Despierres
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Proteste der "Gelbwesten": Nicht jeder Lkw-Fahrer hat dafür Verständnis.

Nicht für alle ist die Situation so lustig wie für Jaqui und die Blockierer. Vor allem die Lkw-Fahrer leiden unter der Situation. Sie kommen kaum vorwärts. "Ich stehe hier seit eineinhalb Stunden, sie behindern die Leute bei der Arbeit, dabei bin ich doch in der gleichen Lage wie sie", sagt Thierry. "Mir bleibt auch nicht viel am Ende des Monats, aber ich kann mir das nicht leisten, nicht zu arbeiten."

Das können viele "Gelbwesten" auch nicht. Aber sie machen weiter. "Wir halten die Stellung", versichert Amelie. "Wir rühren uns nicht vom Fleck."

Allen Versprechen des Präsidenten zum Trotz.

 

Wild, wütend, entschlossen - unterwegs mit Gelben Westen
Barbara Kostolnik, ARD Paris
15.12.2018 12:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 15. Dezember 2018 um 12:13 Uhr.

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Barbara Kostolnik, BR

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