Ein Demonstrant liegt auf dem Boden, als die französische Polizei während einer Demonstration von "Gelbwesten" Wasserwerfer einsetzt. Es ist das 44. Wochenende, an dem die Bewegung in Frankreich protestiert. Die Demonstration in Nantes richtete sich vor dem Hintergrund des Todes eines 24-Jährigen vor allem gegen Polizeigewalt. | Bildquelle: dpa

Gelbwestenbewegung "Man kann nicht ewig demonstrieren"

Stand: 18.09.2019 03:21 Uhr

Die Proteste der Gelbwesten haben Frankreich schwer in Atem gehalten. Gut zehn Monate ist es her, dass die Gewalt eskalierte und die Bilder um die Welt gingen. Und heute? Was ist aus der Bewegung geworden?

Von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris

Es knallt - mal wieder. In Nantes, wo an diesem mittlerweile über vierzigsten Samstag seit Beginn der Bewegung die Hauptdemonstration der Gelbwesten angekündigt war, fliegen ein paar Steine auf die Niederlassung einer Fast-Food-Kette. Das Markenzeichen der Bewegung, die gelben Westen, sind kaum zu sehen. Dafür sind viele Demonstranten schwarz vermummt, Böller fliegen auf Polizisten, die antworten mit Tränengas und Wasserwerfern.

Zur gleichen Zeit in Paris: Auch hier wird demonstriert. Deutlich friedlicher. Mit mehr gelben Westen. Zahlenmäßig weit entfernt von alter Stärke. Doch der harte Kern denkt gar nicht daran aufzugeben:

"Wir sind immerhin seit 44 Wochenenden da. Nächstes Wochenende ist also das fünfundvierzigste. Für eine Bewegung, die als tot gilt, als lahm, als beendet, sind wir heute ganz schön viele, finde ich!"

Weiter Samstag für Samstag auf der Straße

So erzählt es einer der Getreuen in die Kameras des Infosenders BFM. Tatsächlich sind die Gelbwesten weiter Samstag für Samstag auf der Straße. Mal mit kleinen Randalen wie in Nantes, oft friedlich, wie in Paris. Selten allerdings mit mehr als ein paar Hundert Leuten. Die lange Zeitspanne - aber auch die Strategie von Präsident Emmanuel Macron haben der Bewegung zugesetzt. Mit einer monatelangen nationalen Debatte über das, was sich die Bürger wirklich von ihrem Staat erwarten, hatte Macron im Frühjahr den Protestlern geschickt Wind aus den Segeln genommen. Der von vielen Gelbwesten als arrogant und abgehoben empfundene Präsident war zu Kreuze gekrochen:

"Das Ganze hat mich wirklich verändert", beteuerte Macron am Ende der nationalen Debatte im April. Und versprach:

"Angesichts des Gefühls der Ungerechtigkeit, müssen wir eine Antwort finden, die den Menschen stärker in den Mittelpunkt unserer Politik rückt, als es bisher wohl der Fall war."

Eingefleischte Gelbwesten sind nicht überzeugt

Einige Reformen wurden in der Folge verschoben, Zugeständnisse gemacht, die Mindestlöhne auf Kosten der Steuerzahler aufgestockt. Die eingefleischten Gelbwesten hat der Präsident damit keineswegs überzeugt:

"Für mich war diese nationale Debatte nur eine Kommunikationskampagne des Präsidenten", sagt etwa Priscilla Ludovsky im Rückblick. Die Frau, die mit ihrer Petition gegen höhere Spritsteuern quasi zur Gründungsmutter der Gelbwesten wurde. Macrons Maßnahmen, die Aufstockung des Mindestlohns etwa, hält Ludovsky - wie viele ihrer Mitstreiter - für reine Augenwischerei und viel zu gering. Trotzdem geht sie selbst aktuell nur noch selten auf die Straße:

"Ich glaube, man kann nicht ewig weiterdemonstrieren,"

findet die Mitbegründerin der Gelbwesten zehn Monate nach Beginn der Proteste.

Positives Fazit

Die Gewalt - egal ob von Seiten der Demonstranten oder der Polizei - hat sie immer gestört. Trotzdem zieht Priscilla Ludovsky auch ein positives Fazit:

"Das Ganze hat eine große Solidarität wiederbelebt, die in Frankreich so fehlt. Und es hat uns erlaubt, Informationen zu verbreiten und die Menschen auf Themen aufmerksam zu machen, auf die sie sonst nicht aufmerksam geworden wären."

Sie selbst will sich nun weiter engagieren. Etwa für mehr Mitbestimmung der Bürger. Und will dabei auch das Netzwerk der Gelbwestenbewegung nutzen. Denn das ist vor allem in den sozialen Medien weiterhin lebendig. Die großen Reformen, etwa die des französischen Rentensystems, die Präsident Macron mittlerweile wieder aufgegriffen hat, dürften dort sehr genau beobachtet werden.

Was machen eigentlich... die Gelbwesten?
Marcel Wagner, ARD Paris
18.09.2019 07:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. September 2019 um 06:17 Uhr.

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