Rettungskräfte suchen in Genua nach Überlebenden in den Trümmern der eingestürzten Brücke | Bildquelle: ALESSANDRO DI MARCO/EPA-EFE/REX/

Brückeneinsturz in Genua Helfer suchen weiter nach Verschütteten

Stand: 16.08.2018 18:44 Uhr

Auch in der zweiten Nacht nach dem Brückeneinsturz haben Rettungskräfte in Genua nach Verschütteten gesucht. Die EU wies erneut Vorwürfe zurück, laut denen sie eine Mitschuld an der Katastrophe trage.

Im norditalienischen Genua haben Rettungskräfte die zweite Nacht in Folge mit Hochdruck nach Überlebenden des katastrophalen Brückeneinsturzes gesucht. Im Flutlicht aus riesigen Projektoren und mithilfe von Spürhunden suchten die Rettungsmannschaften ohne Unterlass unter den schweren Betonblöcken und Stahlteilen der eingestürzten Autobahnbrücke nach Verschütteten."

"Es könnte noch zehn bis 20 vermisste Personen geben", sagte der leitende Staatsanwalt Francesco Cozzi laut Nachrichtenagentur Ansat. Angesichts der verstrichenen Zeit sei es "wenig wahrscheinlich, Überlebende zu finden", zitierte Ansa den Regionalpräsidenten Giovanni Toti. 

Die italienische Polizei korrigierte indes die Zahl der Todesopfer auf 38. Zuvor war von 39 Toten die Rede. 16 Menschen wurden verletzt, neun davon schweben in Lebensgefahr. Es gibt noch mehrere Vermisste. Unter den Toten sind drei Kinder im Alter zwischen acht und 13 Jahren sowie vier junge Franzosen, drei Chilenen und ein Kolumbianer.

Regierung will Schadensersatz verlangen

Vize-Ministerpräsident Luigi di Maio drohte mit einer Verstaatlichung der Autobahnen. Wenn die Betreiber der Autobahnen nicht in der Lage seien, ihre Aufgabe richtig zu erfüllen, dann müsse der Staat die Autobahnen übernehmen, sagte er im Rundfunk. Die Betreiber der Autobahnen hätten mehr in die Sicherheit investieren sollen als sich über die Dividenden Gedanken zu machen, sagte di Maio.

Regierungschef Giuseppe Conte kündigte außerdem an, die Regierung werde von der Instandhaltungsfirma bereits vor Abschluss der Untersuchungen zur Unglücksursache Schadensersatz verlangen. "Wir können nicht auf die Justiz warten" sagte Conte. "Alle Bürger müssen sicher reisen können." Außerdem werde die Regierung nach einem anderen Instandhaltungsunternehmen Ausschau halten. Darüber hinaus solle es klarere Regeln geben.

Genuas Staatsanwalt Francesco Cozzi erklärte, Schwerpunkt der Ermittlungen zum Brückeneinsturz sei menschliches Versagen, etwa, ob es Architektur- und Baufehler oder fehlerhafte Wartungsarbeiten gegeben habe. Er wisse nicht, wer verantwortlich sei, so Cozzi, und ergänzte: "Es war kein Unfall." Auf die Frage, ob die Behörden über die Gefahren der Brücke informiert worden seien, erklärte er, es hätte keine ernsthaften Sicherheitsbedenken gegeben. "Sonst wäre niemand von uns (...) 20 Mal im Monat über die Schnellstraße gefahren."

EU weist Vorwürfe erneut zurück

Die EU-Kommission wies erneut die Kritik der italienischen Regierung zurück, laut der die EU Mitschuld an der Katastrophe trage. Brüssel habe Italien noch im Frühjahr dazu ermutigt, in seine Infrastruktur zu investieren, sagte ein Kommissionssprecher. EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger erklärte, gemäß einem Siebenjahresplan solle Italien für den Zeitraum 2014 bis 2020 etwa 2,5 Milliarden Euro für Investitionen unter anderem in das Straßen- und Schienennetz erhalten.

Seitens der Kommission wurde ferner darauf hingewiesen, dass sie im April einen Investitionsplan zugunsten italienischer Autobahnen bewilligt hatte. Dabei ging es um etwa 8,5 Milliarden Euro, die auch der Region um Genua zugute kommen sollten. Die Autobahn A10, auf der sich die Genueser Brücke befindet, gehörte zum transeuropäischen Verkehrsnetz und unterlag deshalb besonderen Prüf- und Sicherheitsauflagen der EU. Für die Einhaltung dieses Regelwerks seien die nationalen Behörden zuständig. 

Innenminister Matteo hatte erklärt, die europäischen Vorgaben zum Haushaltsdefizit gefährden die Sicherheit des Landes "Immer muss man um Erlaubnis fragen, um Geld auszugeben", prangerte er an. Davon dürfe aber nicht die Sicherheit auf den Straßen, bei der Arbeit und in den Schulen, "in denen immer mal wieder die Decken einstürzen", abhängen.

Helge Roefer, ARD Rom, zzt. Genua, zu den Rettungsarbeiten
tagesschau24 11:00 Uhr, 16.08.2018

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Ausnahmezustand und fünf Millionen Euro Nothilfe

Die Regierung hatte am Mittwoch den Notstand für die Hafenstadt verhängt und fünf Millionen Euro Nothilfe bereitgestellt. Das Dekret soll ermöglichen, "erste wichtige Maßnahmen zu treffen, um dem Ausnahmezustand zu begegnen", erklärte Conte. Dazu gehöre, schnellstmöglich die Sicherheit in der betroffenen Region der Stadt zu garantieren und Betroffenen zu helfen. Der Notstand soll zwölf Monate gelten und in diesem Zuge auch ein Sonderbeauftragter für den Wiederaufbau benannt werden.

Vieles deutet darauf hin, dass die Brücke abgerissen und eine neue errichtet werden soll. Die Tragödie hat Hunderte Menschen obdachlos gemacht: Sie mussten ihre Häuser nahe der Brücke aus Sicherheitsgründen verlassen - und das möglicherweise für immer. "Bis Ende dieses Jahres werden wir all diesen 634 in Sicherheit gebrachten Genuesen ein neues Zuhause geben", versprach Salvini.

alt Die eingestürzte Autobahnbrücke in Genua | Bildquelle: AP

Der grün-blaue Lastwagen von Genua

Ein grün-blauer Lastwagen ist zum Symbol des verheerenden Einsturzes der Morandi-Brücke in Genua geworden. Um wenige Meter hatte der Fahrer die Katastrophe am Dienstag überlebt. "Ich konnte mich retten, weil ein Auto mich überholte und ich verlangsamte", erzählte der 27-Jährige der Zeitung "La Repubblica". Er habe das Auto mit den anderen abstürzen sehen, schlagartig gebremst und den Rückwärtsgang eingelegt. "Dann habe ich die Tür geöffnet und bin geflüchtet."
Auf Fotos ist zu sehen, wie nahe der Lastwagen vor dem Abgrund steht. Mit laufendem Motor soll der Fahrer den Wagen zurückgelassen haben. Der Genuese war für die lokale Supermarktkette Basko unterwegs.
Der Lastwagen sei nicht das einzige Fahrzeug, das die Menschen bei der Flucht von der Brücke dort stehen gelassen hätten, sagte ein Sprecher des Verkehrsministeriums. Die Staatsanwaltschaft habe aus Ermittlungsgründen noch nicht angeordnet, sie abzuschleppen. Früher oder später werde das aber passieren.

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Nach Brückeneinsturz in Genua: Die Suche nach Überlebenden geht weiter

Blick auf die Trümmer einer eingestürzten Brücke in Genua

Nach dem Brückeneinsturz in Genua suchen die Rettungskräfte weiter nach Überlebenden. | Bildquelle: LUCA ZENNARO/EPA-EFE/REX/Shutter

Einsturz während Unwetters

Der mehr als 40 Meter hohe Polcevera-Viadukt, der auch Morandi-Brücke genannt wird, spannt sich unter anderem über Wohnhäuser, Gleisanlagen und Fabriken. Am Dienstagmittag war er während eines heftigen Unwetters auf einem etwa 100 Meter langen Stück eingestürzt und hatte zahlreiche Fahrzeuge mit in die Tiefe gerissen.

Die Brücke ist Teil der Autobahn 10 und verbindet nicht nur den Osten mit dem Westen der Stadt. Sie ist auch als Urlaubsverbindung "Autostrada dei Fiori" bekannt und eine wichtige Verbindungsstraße nach Südfrankreich, in den Piemont und die Lombardei.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 15. August 2018 um 22:15 Uhr.

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