Carlos Ghosn | Bildquelle: AP

Ex-Renault-Chef Interpol-Haftbefehl gegen Ghosn

Stand: 02.01.2020 15:29 Uhr

Nach seiner Flucht aus Japan wird Ex-Autoboss Ghosn jetzt offiziell von Interpol gesucht. Die libanesischen Behörden erhielten einen internationalen Haftbefehl gegen Ghosn. Seine Auslieferung muss der Gesuchte aber nicht fürchten.

Libanon hat von der internationalen Polizeibehörde Interpol einen Haftbefehl für den in das Land geflüchteten Ex-Nissan-Chef Carlos Ghosn erhalten. Die Staatsanwaltschaft habe den Antrag auf Basis einer "Red Notice" erhalten, sagte der libanesische Justizminister Albert Serhan der Nachrichtenagentur AP.

Die libanesische Staatsanwaltschaft werde "ihre Pflichten erfüllen", sagte Serhan. Er schlug vor, Ghosn zur Vernehmung vorzuladen, sagte jedoch auch, dass der Libanon und Japan kein Auslieferungsabkommen hätten. Dies schließe die Möglichkeit aus, dass Ghosn an Japan ausgeliefert würde.

Interpols "Red Notices" sind Aufforderungen an Strafverfolgungsbehörden auf der ganzen Welt, einen gesuchten Flüchtling zu lokalisieren und vorläufig zu verhaften.

Vorwurf der Untreue

Der frühere Konzernchef von Renault war am 19. November 2018 in Tokio wegen Verstoßes gegen Börsenauflagen festgenommen und angeklagt worden. Ihm wird vorgeworfen, als Nissan-Verwaltungsratschef Finanzdokumente gefälscht und Untreue begangen zu haben. Laut Staatsanwaltschaft soll er auch private Investitionsverluste auf Nissan übertragen haben.

Ghosn, der auch Vorstandschef von Renault war und als Architekt des Autobündnisses zwischen Renault, Nissan und Mitsubishi gilt, weist die Vorwürfe zurück und argumentiert, die Behörden hätten sie erfunden, um einen engeren Zusammenschluss zwischen Nissan und Renault zu verhindern. Er war gegen eine Kaution von 1,5 Milliarden Yen (rund 12,3 Millionen Euro) und unter strengen Auflagen aus der Haft entlassen worden. Für das kommende Frühjahr war der Beginn seines Prozesses in Japan angesetzt.

Der libanesische Justizminister Albert Serhan | Bildquelle: AP
galerie

Der libanesische Justizminister Albert Serhan schloss eine Auslieferung Ghosns an Japan aus.

Rätselhafte Flucht aus Japan

Anfang der Woche tauchte der 65-Jährige überraschend im Libanon auf und erklärte, er habe Japan verlassen, weil die dortige Justiz ungerecht sei und er sich "politischer Verfolgung" entziehen wolle. Der Libanon hat kein Auslieferungsabkommen mit Japan. Ghosn besitzt die französische, die libanesische sowie die brasilianische Staatsbürgerschaft und spricht fließend Arabisch.

Wie Ghosn die mit seiner Freilassung verbundenen strengen Auflagen in Japan umgangen hat, ist unklar. Seine Anwälte versicherten, sie hätten alle Pässe Ghosns in einem Safe verwahrt und nichts von dessen Flucht gewusst. Der Libanon erklärte, Ghosn sei rechtmäßig eingereist und es gebe keinen Grund, etwas gegen ihn zu unternehmen.

Festnahmen in der Türkei

Medienberichten zufolge reiste Ghosn über die Türkei in den Libanon ein. Das türkische Innenministerium untersuche mögliche Sicherheitslücken, meldete der türkische Fernsehsender NTV.

Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu wurden sieben Personen festgenommen. Es handle sich um vier Piloten, zwei Flughafenmitarbeiter und den Manager einer Frachtfirma. Sie würden verdächtigt, Ghosn bei der Flucht mit einem Privatjet von Japan über Istanbul in den Libanon geholfen zu haben.

In Tokio durchsuchten Ermittler das Haus Ghosns. Japanische Medien zeigten Fotos der Aktion, Staatsanwaltschaft und Polizei wollten sie aber nicht bestätigen. Behörden waren nach Neujahr noch geschlossen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. Januar 2020 um 15:00 Uhr.

Darstellung: