Blick auf Gibraltar | Bildquelle: AP

Gibraltar und der Brexit Das vergessene Überseegebiet

Stand: 30.12.2020 01:18 Uhr

Ein Teil Großbritanniens wird in dem Brexit-Vertrag, über den das Parlament heute abstimmt, nicht erwähnt: Gibraltar. Dort hofft man auf ein Last-Minute-Abkommen, um den unkomplizierten Grenzverkehr aufrecht zu erhalten.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Juan José Uceda nennt sie das "Nadelöhr": die Grenze zwischen Gibraltar und Spanien, über die jeden Tag mehr als 15.000 Menschen pendeln. Es sind vor allem Spanier, die in Gibraltar arbeiten. Morgens fahren sie auf die Halbinsel, abends wieder zurück.

Juan José hat das vier Jahre lang gemacht. Meistens musste er nur seinen Personalausweis hochhalten und wurde durchgewunken, erzählt er. Doch dieser Übergang sei nicht darauf ausgelegt, eine Grenze zu einem Drittstaat zu werden. "Es gibt nicht einmal genügend Fahrspuren, um einen einigermaßen fließenden Verkehr zu gewährleisten, wenn die Ein- und Ausreisenden ihre Pässe stempeln lassen müssen." Juan José befürchtet kilometerlange Autoschlangen. Es werde Stunden dauern, um nach Gibraltar zu seinem Arbeitsplatz zu kommen.

Lange Autoschlangen befürchtet

Ein ähnliches Szenario skizziert Spaniens Außenminister Arancha Gonzáles Laya. Die Schlangen an der Grenze würden so lang werden, wie wir es in den vergangenen Tagen in Dover gesehen hätten, so die Politikerin. Rund 200 Lkw fahren täglich nach Gibraltar; sie müssten aufwändig kontrolliert werden, sollten sich Spanien, Großbritannien und das Überseegebiet bis Freitag nicht auf ein Abkommen zum Grenzverkehr einigen.

Denn zwischen Gibraltar und Spanien entsteht eine EU-Außengrenze. Nach den Worten der spanischen Außenministerin könnte es die härteste Grenze Großbritanniens werden. "Es wäre der einzige Fleck, an dem wir den harten Brexit erleben würden, den wir doch alle stets verhindern wollten", meint Gonzáles Laya im Interview mit dem Radiosender RNE. Die Verhandlungen zwischen den beteiligten Ländern liefen notfalls bis zur letzten Sekunde, so die Ministerin, bis Donnerstagabend, 23:59 Uhr. Anfang der Woche nahm Gonzáles Laya auch das Wort "Ultimatum" in den Mund, das man Großbritannien stelle.

Es steht viel auf dem Spiel

Es steht viel auf dem Spiel - für beide Seiten: Ohne Abkommen hätten die Bürger von Gibraltar keinen Zugang mehr zum spanischen Gesundheitssystem, zu Fachärzten dort. Ihre Autos wären auf europäischen Straßen eventuell nicht mehr versichert. Und: Gibraltar läge außerhalb des europäischen Luftraums.

Der Premierminister gibt sich cool: "Wir sind nicht in die Verhandlungen gegangen und haben gesagt: 'Bitte, bitte, wir brauchen einen Deal'", so Fabian Picardo im Gespräch mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehens Gibraltars GBC. "Wenn du das tust, stehst du am Ende als Verlierer da." Gibraltar sei gerüstet für ein No-Deal-Szenario mit Spanien, stellt der Regierungschef klar. Der Wohlstand der Halbinsel wäre nach seinen Worten nicht in Gefahr.

Gibraltar wollte Teil der EU bleiben

Doch die Bewohner von Gibraltar wissen, was sie am spanischen Nachbarn und der EU haben. Beim Brexit-Referendum 2016 stimmten knapp 96 Prozent von ihnen dafür, dass Großbritannien Teil der Europäischen Union bleibt. Und so gibt auch Premierminister Picardo zu: "Wir wollen einen Deal. Wir sind optimistisch, dass es noch dazu kommt."

So denkt auch Juan José Uceda, der jahrelange Pendler aus Spanien, der sich inzwischen für eine Organisation spanischer Beschäftigter in der britischen Kolonie engagiert. Er meint, es gehe einfach um zu viel, um das Ganze kurzfristig noch scheitern zu lassen. "Dass über all das aber zwei Tage vor dem Brexit verhandelt wird, wo doch vier Jahre Zeit waren, verstehe ich nicht", fügt der Spanier hinzu.

Immerhin, eine Einigung gibt es schon: Arbeitnehmer, die täglich die Grenze zwischen Spanien und Gibraltar überqueren, können noch bis zum 31. Dezember einen speziellen Ausweis bekommen. Der soll sicherstellen, dass es auch künftig unkompliziert und ohne große Kontrollen von der einen Richtung in die andere geht. Wer allerdings im neuen Jahr einen Job in Gibraltar antritt, muss sich - Stand jetzt - auf jede Menge Passstempel einstellen.

Gibraltar: im Brexit-Vertrag unerwähnt
Oliver Neuroth, ARD Madrid
30.12.2020 06:42 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 30. Dezember 2020 um 09:35 Uhr.

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