Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras im Parlament in Athen | Bildquelle: REUTERS

Alexis Tsipras Der Entzauberte

Stand: 29.05.2018 05:29 Uhr

Griechenlands Ministerpräsident war angetreten, um den Sparkurs des Landes zu beenden. Stattdessen musste er harte Reformen angehen. Seine Anhänger sind enttäuscht.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Alexis Tsipras kämpft längst nicht mehr nur für Griechenland, sondern auch um sein eigenes Ansehen. Der griechische Regierungschef hat laut Umfragen einen großen Teil seiner Wähler enttäuscht - unter 20 Prozent liegt die linke Syriza-Partei in sämtlichen Umfragen der letzten Monate.

Syriza hätte, so sagt es der Athener Journalist Tassos Telloglou, im Moment keine Chance, Wahlen zu gewinnen: "Wenn am Sonntag Wahlen stattfinden würden, würde Syriza haushoch verlieren. Selbst die Anhänger der Partei sind überzeugt, dass sie im Moment verlieren würden", sagt er.

"Tsipras ist der starke Mann"

Seit Monaten lächelt Tsipras trotzdem optimistisch in die Fernsehkameras. Denn er weiß, dass auch seine politischen Gegner, zum Beispiel die konservative Nea Demokratia, derzeit Umfragen zufolge keine Wahl gewinnen können. Deshalb kann Tsipras seinen Kurs streng weiter verfolgen und der heißt: Sparprogramm und Reformen durchsetzen, ebenso weitere Kürzungen - zum Beispiel für die Rentner. Die Bedingungen der Geldgeber erfüllen, damit das Milliarden- Hilfsprogramm im August auslaufen kann.

Griechenlands Ministerpräsident Tsipras spricht vor dem griechischen Parlament. | Bildquelle: ALEXANDROS VLACHOS/EPA-EFE/REX/S
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Profitiert auch von der Schwäche der anderen Parteien: Alexis Tsipras.

"Tsipras ist der starke Mann, weil er keine innerparteiliche Opposition hat. Und weil faktisch die ganze Syriza-Partei verstaatlicht ist. Alle wichtigen Leute, die ihm Paroli bieten konnten, die haben Verantwortung übernommen. Das heißt, sie tragen diese Politik mit", erklärt Journalist Telloglou.

Finanzminister Tsakolotos ist das prominenteste Beispiel. Eigentlich müsste er vom linken Flügel der Syriza-Partei aus die Regierungpolitik als unsozial kritisieren. Im Amt allerdings übernimmt der Finanzminister die volle Verantwortung für die Einschnitte, die er eigentlich niemals durchgehen lassen wollte.

Strammer Gegenwind

Und Tsakolotos muss wie die gesamte Partei in Kauf nehmen, dass Rentner wie Alexios Alexiou gegen Syriza auf die Straße gehen: "Die linke Regierung hat uns verarscht", sagt er. "Unser Leben wurde in Fetzen gerissen. Wir können nicht mal unseren Kindern helfen. Wir sind mit einer ehrwürdigen Pension in den Ruhestand gegangen und haben geglaubt, davon auch gut leben zu können. Aber leider will die Regierung, dass wir möglichst früher sterben."

Tsipras versucht trotz dieses strammen Gegenwinds im ganzen Land Flagge zeigen. Bei einer Rundreise zu den Inseln mit Flüchtlingszentren hat er baldige Entlastung versprochen. Mit einem Strategiepapier stellte er zudem bessere Zeiten für die griechische Wirtschaft in Aussicht.

"Dieses Strategiepapier in gedruckter Form soll die Strategie für den weiteren Kurs des Landes zeigen", so Tsipras. "Es ist nicht nur ein einfacher Plan, in dem Wachstumsziele aufgezählt werden. Nein, der Plan ist umfassend und nennt die Ziele für Gesellschaft und Wirtschaft - aber auch wie diese Ziele erreicht werden sollen."

"Es wird noch Jahre brauchen"

Mehr Wachstum für die Schifffahrtsindustrie, für Pharmaunternehmen, die Logistik-Branche und die Landwirtschaft hat Tsipras auf mehr als 100 Seiten versprochen. Genauer ausformulierte Rezepte finden sich darin allerdings nicht.

Der Wirtschaftsprofessor Panagiotis Petrakis sagt, Hoffnung für die Wirtschaft verbreite Tsipras zu recht - doch echte Beweise, dass es spürbar besser wird, fehlten für die Bevölkerung:

"Es wird noch Jahre brauchen, bis wir die von Tsipras beschriebenen Ziele erreichen, aber immerhin ist der Horizont sichtbar", erklärt der Ökonom. "Natürlich haben wir vieles verworfen, was in Sachen Sozialpolitik mal in Griechenland wichtig war. Das alles auszuhalten und auch ein Stück weit wieder auszugleichen wird Aufgabe der Politik sein“.

Im Sommer soll der Plan von Alexis Tsipras Wirklichkeit werden. Der Traum von einem Griechenland ganz ohne neue Milliarden-Hilfen aus dem Ausland. "Mal schauen, ob es klappt", sagt vorsichtig optimistisch Wirtschaftsprofessor Petrakis.

"Es wird nicht klappen", meint der Athener Journalist Telloglou. Das Misstrauen der Finanzmärkte sei noch zu groß.

Dieser Beitrag lief am 29. Mai 2018 um 05:40 Uhr im Deutschlandfunk.

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