Jeremy Corbyn | Bildquelle: REUTERS

Großbritannien Unmut über Labour-Chef Corbyn wächst

Stand: 31.07.2018 04:56 Uhr

Antisemitismus-Vorwürfe gegen die britische Labour-Partei sind nicht neu. Doch nun starteten drei jüdische Zeitungen eine gemeinsame Aktion gegen Parteichef Corbyn. Das Maß sei voll.

Von Anne Demmer, ARD-Studio London

Seit Jahren kämpft die Labour-Partei mit Antisemitismus-Vorwürfen in den eigenen Reihen. Im Frühjahr gingen mehr als 1000 Menschen auf die Straße: "Enough is enough" - Das Maß ist voll. Zwei jüdische Dachverbände hatten zu der Aktion vor dem britischen Parlament aufgerufen.

Kritiker werfen dem Labour-Chef Jeremy Corbyn vor, dass die Kette antisemitischer Vorfälle nicht abgerissen sei, seit er die Partei im September 2015 übernommen habe. Drei jüdische Zeitungen entschieden sich nun zu einem ungewöhnlichen Schritt.

Der "Jewish Chronicle", die "Jewish News" und der "Jewish Telegraph" machten Ende vergangener Woche mit der gleichen Titelseite auf: "United we stand" - Wir stehen zusammen - titelten die drei jüdischen Zeitungen. Sie erheben schwere Vorwürfe: Eine von Corbyn geführte Regierung "wäre eine existenzielle Bedrohung für jüdisches Leben in diesem Land", hieß es in einem Kommentar auf Seite 1. 

In einer BBC-Talkrunde begründete der verantwortliche Redakteur der "Jewish News", Justin Cohen, den Schritt.

"Ich spreche regelmäßig mit Menschen aus der jüdischen Gemeinde. Sie fragen sich, was wäre wenn Jeremy Corbyn Premierminister wäre. Wenn man sich die vergangenen drei Jahre anschaut – da gab es immer wieder Vorfälle. Sogar Leute, die Labour ihr ganzes Leben unterstützt haben, wenden sich ab. In der vergangenen Woche brachten 68 Rabbis ihre Besorgnis über den Antisemitismus in der Labour-Partei zum Ausdruck. Sie wurden ignoriert."

Auseinandersetzung über Verhaltenskodex

Oppositionsführer Corbyn steht damit erneut in der Kritik. Neuester Auslöser ist der Streit über die Definition von Antisemitismus in den Parteistatuten, die von der "International Holocaust Rememberance Alliance" stammt. Der Parteivorstand hatte die Erklärung selbst zwar akzeptiert, jedoch vier der elf als antisemitisch definierten Beispiele nicht. 

Corbyn rechtfertigte die Entscheidung: Er habe nicht versucht, die Definition zu verändern. Es sei fast alles übernommen worden. Und sie hätten einen Verhaltenskodex für die Parteimitglieder formuliert, "weil wir keine Form von Antisemitismus in der Partei tolerieren wollen". In diesem Verhaltenskodex heißt es jedoch unter anderem, dass die Gleichsetzung von Israel mit dem Nationalsozialismus grundsätzlich nicht als antisemitisch eingeordnet werde.

Die Labour-Abgeordneten Luciana Berger (links) und Margaret Hodge (rechts) | Bildquelle: dpa
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Margaret Hodge (rechts) und Luciana Berger engagieren sich gegen Antisemitismus auch in ihrer eigenen Partei.

Der Labour-Abgeordneten Margaret Hodge, die selbst Familienmitglieder im Holocaust verloren hat, platzte der Kragen. Bei einer Sitzung in der vergangenen Woche kritisierte sie Corbyn harsch: "Ich habe ihm gesagt, dass er ein Antisemit und Rassist sei. Ich sagte ihm auch, dass er das Leben von vielen Juden sehr unangenehm machen würde und es für sie schwierig sei, überhaupt noch Labour zu wählen."

Die Parteispitze plant nun ein Disziplinarverfahren gegen Hodge, weil sie ein Parteimitglied persönlich attackiert habe, so das Argument.

"Hochgradig inkompetent"

Corbyn hatte als Hinterbänkler jahrzehntelang regelmäßig an Demonstrationen gegen amerikanische und israelische Politik teilgenommen. 2009 nannte er Funktionäre der islamistischen Hamas und militanten Hisbollah "unsere Freunde".

Der frühere BBC Moderator Robin Lustig schreibt in seinem Blog, er halte Jeremy Corbyn beim Umgang mit dem Thema für hochgradig inkompetent, aber nicht für einen Antisemiten. Auch Lustigs Eltern mussten vor den Nazis fliehen.  

An die drei jüdischen Zeitungen gerichtet schreibt er, über die Definition von Antisemitismus zu diskutieren, stelle für niemanden eine existenzielle Bedrohung dar.  

Inzwischen erhielt bereits der zweite Labour-Abgeordnete einen Brief mit einer Verwarnung. Auch Ian Austin hatte der Parteiführung in einer hitzigen Debatte vorgeworfen, den Antisemitismus in der Partei nicht ausreichend zu bekämpfen. 

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 31. Juli 2018 um 15:50 Uhr.

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