Sozialarbeiterin Natasha Rattu

Beratungsstelle in England Kämpferinnen gegen Zwangsehen

Stand: 04.06.2018 00:53 Uhr

Großbritannien gilt als Vorreiter im Kampf gegen Zwangsehen - durch scharfe Gesetze und Hilfsangebote. Ein Beispiel ist die Hotline "Karma Nirvana". Mehr als 9000 Anrufe gehen hier jährlich ein.

Von Christoph Heinzle, ARD-Studio London

Durchschnittlich alle 14 Minuten klingelt das Telefon der Beratungshotline von "Karma Nirvana". Das Beraterteam sitzt in einem nüchternen, kleinen Büro in einem Vorort von Leeds. Ohne Schild an der Tür, die Adresse bekommen nur Besucher - aus Sicherheitsgründen.

Die Anrufe kommen aus ganz Großbritannien, manchmal auch von Britinnen im Ausland: Indien, Pakistan, Iran oder Rumänien. Meist sind es junge Leute, die Rat und Hilfe suchen - für sich oder eine Schwester, Freundin, Nachbarin. Oft beginnt das Drama mit Kritik der Familie daran, dass die Jugendlichen zu westlich würden oder einen Freund haben, erzählt Managerin Priya Manota. "Die Familie beginnt dann, das zu kontrollieren", sagt sie.

"Es war Folter"

Rubie ging es so mit ihrer Familie - und sie hatte keine Notrufnummer parat. Sie war 14, als ihre Schwester mit ihrem Freund durchbrannte. Bei Rubie wollten die Eltern das verhindern.

"Sie brachten mich nach Bangladesch und verheirateten mich mit einem Mann, der doppelt so alt war wie ich", erzählt Rubie in einem Interview mit Wissenschaftlern. Elf Monate war das Mädchen in Bangladesch. "Es war Folter. Die ganze Zeit gab es Gruppenvergewaltigungen", sagt sie. Rubie wurde gezwungen, schwanger zu werden, sonst hätte sie nicht nach Großbritannien zurückkehren dürfen. Dort wollte sie sich umbringen.

Erst an diesem Punkt schreiten Ärzte ein. Dabei hätten Behörden viel früher handeln können, sagt Rubie. War ihre Familie doch wegen häuslicher Gewalt schon früher aufgefallen.

Sozialarbeiterin Priya Manota
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Helpline-Managerin Priya Manota aus einem Vorort Leeds und ihre Kollegen bekommen Anrufe aus dem gesamten Land - und aus vielen anderen Ländern.

Guter rechtlicher Rahmen

"Karma Nirvana" hilft Ärzten, Sozialarbeitern oder Lehrern, Hinweise richtig zu deuten. Das Team habe für Polizisten sogar eine Checkliste entwickelt, damit sie beurteilen können, ob hinter einem ganz normal anmutenden Zwischenfall mehr stecken könnte, sagt Natasha Rattu, die bei der Hilfsorganisation für Fortbildung zuständig ist.

Ein Beispiel könnte ein Fall von Störung der öffentlichen Ordnung sein, wo sich zwei Familien streiten, sagt Rattu. Es könnte sein, dass es dabei um eine Zwangsheirat gehe. Oder man könnte es mit einem Opfer zu tun haben, das geflohen ist und Diebstähle begeht, weil es keinen Ausweg sieht.

Der rechtliche Rahmen, um gegen Zwangsheiraten vorzugehen, ist in Großbritannien so gut wie wohl nirgends sonst in Europa. Seit 2008 gibt es ein Gesetz zum Schutz Betroffener. Seit 2014 ist es hier strafbar, jemanden zur Heirat zu zwingen. Die Polizei erfährt seitdem pro Jahr von mehr als 1000 Fällen. Doch erst drei führten zu einer Verurteilung - zwei davon allerdings in den vergangenen zwei Wochen.

Letzter Ausweg: Löffel

Rattu setzt auf die Signalwirkung. Man hoffe, dass nach den Verurteilungen mehr Opfer von den Hilfsangeboten für sie erfahren. "Die Urteile sind eine wichtige Botschaft. Auch für die Täter, die sehen sollen, dass sie nicht davonkommen, wenn sie Frauen zur Heirat zwingen - dass das Konsequenzen hat und rechtlich verfolgt wird", sagt sie.

Doch die Mitarbeiter der Beratungsstelle müssen oft viel früher ansetzen. Manche Anruferinnen halten eine Zwangsheirat für zulässig, für einen Teil ihrer Tradition, erzählt Priya Manota. "Sie glauben, dass sie befolgen müssen, was die Familie ihnen vorschreibt, dass sie auch Ja zu einer Heirat sagen müssen", erklärt sie. In den ersten Gesprächen helfe man diesen Opfern dabei zu verstehen, dass es nicht Teil ihrer Religion oder Kultur sei, wenn sie so behandelt werden.

Doch oft können Opfer nicht auf sich aufmerksam machen, weil ihnen das Handy weggenommen wurde und weil sie ständig von Familienmitgliedern kontrolliert werden, selbst am Flughafen auf dem Weg zur Zwangsheirat im Ausland. Für solche Fälle empfiehlt "Kama Nirvana" betroffenen Frauen: einfach einen Löffel in die Unterwäsche stecken. Dann fällt man an der Sicherheitsschleuse auf und wird zur Seite genommen, alleine.

Das sei die einzige Gelegenheit für sie, jemandem zu erzählen, dass sie zu dieser Reise und zu einer Heirat gezwungen worden seien. "Das ist sehr wirkungsvoll, weil man dann ja vom Sicherheitspersonal kontrolliert wird. Und das sollte wissen, wie man dann damit umgeht", sagt Manota.

Großbritanniens Kampf gegen Zwangsheirat
Christoph Heinzle, NDR
02.06.2018 12:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 04. Juni 2018 um 05:45 Uhr.

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