Venezuelas selbsternannter Präsident Guaido | Bildquelle: AFP

Selbsternannter Präsident Guaidó "Wir leben in einer Diktatur"

Stand: 29.01.2019 09:39 Uhr

Venezuela sei einem Machtwechsel näher als je zuvor, sagt Venezuelas selbst ernannter Interimspräsident Guaidó im ARD-Interview. Seine Ernennung zum Interimspräsidenten sei mit den USA abgestimmt.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko

Juan Guaidó ist ein Präsident ohne Macht, aber er präsentiert sich strahlend und selbstbewusst. Mit einer Übergangsregierung werde er schnell die Basis für freie Wahlen schaffen, sagte er im Interview mit der ARD. Mehrfach betonte Guaidó, der einzig legitime Präsident Venezuelas zu sein:

"Es gab im Jahr 2018 keine Wahl. Die Amtszeit von Nicolas Maduro ist vorbei. Insofern besetzt er das Land widerrechtlich und regiert als Diktator."

Einer der machtentscheidenden Faktoren, das Militär, das in Venezuela Schlüsselbereiche wie Lebensmittelverteilung und Erdölförderung kontrolliert, steht jedoch weiterhin auf der Seite der sozialistischen Regierung. Für Guaidó ist das eine Frage der Zeit:

"75 bis 80 Prozent der Soldaten leben wie der Rest der Bevölkerung: mit Hunger, Verzweiflung, der Lohn reicht nicht, um ihre Familien zu ernähren. Die Unzufriedenheit ist überall gleich. Wir haben dort Unterstützung, und ich bin sicher, dass sie sich bald auf unsere Seite stellen werden."

Ernennung mit US-Regierung abgestimmt

Noch sei die Angst der Soldaten vor diesem Schritt zu groß, meint der 35-Jährige. Erst vor drei Wochen wurde Guaidó zum Parlamentspräsidenten gewählt, zwei Wochen danach galt der Newcomer von der Mitte-Links-Partei Voluntad Popular bereits als Stimme der Regierungsgegner.

Seine Ernennung zum Interimspräsidenten sei mit der US-Regierung abgestimmt gewesen, gesteht er ein. Washington ist sein wichtigster Unterstützer, viele andere Staaten haben sich angeschlossen. Sogar die Supermächte Russland und China könne er auf seine Seite bringen.

"Sie haben sehr enge Wirtschaftsbeziehungen mit Venezuela, und sie wissen sehr gut, dass Maduro niemanden beschützt. Er kümmert sich ja nicht einmal um unsere Wirtschaft. Die Inflation wird in diesem Jahr zwei Millionen Prozent betragen, das Bruttoinlandsprodukt ist in fünf Jahren um 53 Prozent gesunken. Für chinesische und russische Investoren wäre eine neue Regierung am besten. Indem sie Vertrauen, Rechtssicherheit und Stabilität schafft, sichert sie die Investitionen."

Guaidó | Bildquelle: ARD
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Venezuelas selbsternannter Interimspräsident Guaidó im ARD-Interview

Ausweichend bei Frage nach Militärintervention

Der Frage nach einer Militärintervention von außen weicht Guaidó aus.

"Wir sagen deutlich, wir leben in einer Diktatur. Und der Regierungspalast muss den Druck kennenlernen."

Ob er um sein eigenes Leben und seine Freiheit Angst habe?

"Nein, ich mache mir Sorgen um Dialysepatienten, die hier fünf Tage unversorgt bleiben. Sich in der staatlichen Gesundheitsversorgung behandeln lassen zu müssen, bedeutet für viele das Todesurteil. Ich habe Angst davor, dass noch mehr Venezolaner fliehen. Bereits 15 Prozent haben das getan, weil es weder Lebensmittel noch Medikamente gibt."

Guaidó hat versprochen, sich so schnell wie möglich um humanitäre Hilfe für die notleidende Bevölkerung zu kümmern. Die sozialistische Regierung lässt bislang keine ins Land. Für Mittwoch hat er deshalb zu Demonstrationen aufgerufen: Die Menschen sollen das Militär bitten, endlich Hilfsgüter ins Land zu lassen.

Mehr zum Thema ab 12.00 Uhr in der Tagesschau und in den Tagesthemen um 22.15 Uhr

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Januar 2019 um 12:00 Uhr.

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