Highway of Tears in Colorado, Kanada | Bildquelle: picture alliance/AP Images

Gewalt gegen Indigene in Kanada Angst auf dem "Highway der Tränen"

Stand: 24.08.2019 14:38 Uhr

In Kanada werden indigene Frauen zwölfmal öfter Opfer von Gewalt als andere. Ein 700 Kilometer langer Straßenabschnitt - der "Highway der Tränen" - hat traurige Berühmtheit erlangt.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Gigantische Tafeln mit Bildern indigener Frauen prangen am Rand des Highway 16. Sie ist nicht vergessen, steht auf einem. Hunderte Namen sind es, die nicht vergessen sind: Namen all der Frauen und Mädchen indigener Völker, die in den vergangenen Jahrzehnten in Kanada ermordet wurden. Vergewaltigt, gepeinigt, brutal beseitigt. Frauen, an die die Tafeln seit diesem Sommer wieder erinnern.

Nach Schätzungen sind allein Dutzende hier auf dieser einsamen Straße verschwunden, der die Anwohner einen Namen gegeben haben: "Highway of Tears" - "Highway der Tränen".

 "Warum? Weil sie indigen ist"

700 Kilometer lang schlängelt sich die Straße durch Gebirge und dichte Wälder, vorbei an ärmlichen Reservaten der Ureinwohner. Es gibt kaum Busse. Es gibt viele Trucks. Es gibt viele Tramperinnen.

Wie Ramona Wilson, die 16 Jahre alt war, als sie auf dem Weg zum Tanzen im Nachbardorf verschwand, wie ihre Mutter Matilda im kanadischen Fernsehsender CBC erzählt. Ramona kam nicht zurück. Als ihre Mutter verzweifelt zur Polizei ging, erfuhr sie, was viele Angehörige von Vermissten bereits erlebt hatten: "Die Antwort war: Sie kommt schon wieder. Gib ihr eine Woche. Keiner war alarmiert. Warum? Weil sie indigen ist."

Neun Monate später fand die Polizei Ramonas Leiche. "Es fühlte sich an, als ob ich nicht weiterleben konnte. Sie war das Baby unserer Familie." sagt ihre Mutter.

Highway of Tears in Colorado, Kanada | Bildquelle: picture alliance/AP Images
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Seit Jahren protestieren Angehörige und Anwohner gegen die Gewalt am Highway 16.

Hälfte der Verbrechen nicht aufgeklärt

25 Jahre danach ist Ramonas Mord immer noch nicht aufgeklärt, so wie die Hälfte aller Verbrechen an indigenen Frauen und Mädchen in Kanada. Sie bleiben Opfer zweiter Klasse. So fühlen es zumindest die Hinterbliebenen. Die Ermittler diskreditieren ihre Töchter, Schwestern, Mütter. Sie sagen, diese seien alkohol- oder drogenabhängig oder arbeiteten als Prostituierte.

Regelmäßig hört auch Jennifer Henry solche Fälle. Sie ist Chefin der Organisation Kairos, die sich für die Rechte von indigenen Einwohnern einsetzt: "Für indigene Mädchen und Frauen in Kanada kann die Kombination aus Sexismus und Rassismus tödlich sein."

Indigene Frauen würden in Kanada zwölfmal öfter Opfer von Gewalt als andere Frauen, sechzehnmal öfter als weiße Frauen. Über 4200 Frauen und Mädchen, Inuit und Metis, wurden in den vergangenen Jahrzehnten ermordet oder gelten als vermisst.

Karte: Kanada mit British Columbia
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Der "Highway of Tears" führt durch die Provinz British Columbia.

 Bericht der Regierung belegt Missstände

Seit diesem Sommer ist das auch durch einen offiziellen Bericht der Regierung belegt. Eine Tatsache, die Kanada über Jahrzehnte nicht hören wollte und die Premierminister Justin Trudeau als erster Staatschef ausgesprochen hat. Die tragische Gewalt gegen indigene Frauen und Mädchen laufe auf einen Völkermord hinaus, so Trudeau.

Er hatte den Bericht überhaupt erst in Auftrag gegeben und musste bei der Bekanntgabe des Ergebnisses im Juni zugeben: "Traurigerweise ist das kein Relikt aus unserer Vergangenheit: Bis heute sind die Sicherheit und Würde von indigenen Müttern, Töchtern, Schwestern und Freundinnen regelmäßig bedroht."

Mehr als ein Wahlversprechen?

Die Betroffenen und ihre Angehörigen haben ein zutiefst gebrochenes Verhältnis zur Justiz ihres Landes. Der Bericht kann nur ein erster Schritt in Richtung Versöhnung sein, sagt Aktivistin Jennifer Henry. Die Frage sei, ob die über 200 Vorschläge in dem Bericht auch Gehör finden. Trudeau sagt Ja. Es sei beschämend, absolut inakzeptabel. "Und es muss aufhören."

Noch muss Trudeau beweisen, dass solche Ansagen mehr sind als ein Wahlversprechen. Zu den Vorschlägen im Bericht gehören härtere Strafen, mehr indigene Polizisten und die Aufklärung aller alten Verbrechen. Zumindest einen zusätzlichen Busbetrieb gibt es inzwischen für die Anwohnerinnen des Highway der Tränen.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 22. November 2017 um 19:20 Uhr im "Weltspiegel".

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