Venezuela in Not. | Bildquelle: REUTERS

Venezuela Wie die Wirtschaft kollabierte

Stand: 11.03.2019 09:11 Uhr

Menschen sterben, weil es überall an Essen und Medikamenten fehlt. Die Wirtschaft liegt am Boden. Die Stimmung unter Venezuelas Armen, die bislang Präsident Maduro unterstützten, heizt sich auf.

Von Markus Plate, ARD-Studio Mexiko Stadt

Venezuelas Wirtschaft liegt am Boden: In dem Land mit den größten Ölreserven der Welt leben heute mehr als 80 Prozent der Menschen in Armut, viele hungern, die staatliche Gesundheitsversorgung ist zusammengebrochen.

Vor allem die Ärmeren leiden darunter - und immer lautstärker machen viele einen Schuldigen aus: Nicolás Maduro. Der aber weist jede Schuld von sich, sieht den Grund für den Zusammenbruch der venezolanischen Wirtschaft nicht in seiner Politik, sondern im Ausland. Er fordere "ein Ende der Wirtschafts-, Finanz- und Handelsblockade", so Maduro. "Das ist das erste Thema für eine dauerhafte wirtschaftliche Erholung."

Venezuelas Schicksal eng an Ölpreis gebunden

Venezuela hängt seit jeher am Öl. Jahrelang hatte Maduros Amtsvorgänger und Mentor, Hugo Chávez, Sozialprogramme aus den damals sprudelnden Öleinnahmen finanziert und die Armut in Venezuela drastisch reduziert. Außerdem unterstützte er befreundete Staaten wie Kuba und Bolivien. Das ging so lange gut, wie der Ölpreis nach der Jahrtausendwende stieg und stieg.

Doch nach Chávez' Tod 2013 rutschte der Kurs dramatisch ab. In der Folge stiegen Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit auf Rekordwerte, die Wirtschaft ist im Vergleich zu Chávez Zeiten um zwei Drittel geschrumpft. Daran ist allerdings nicht nur der Ölpreisverfall Schuld. Auch die Politisierung der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA erwies sich als fatal. "2017 wurde die gesamte PDVSA-Führung entlassen und durch Militärs ersetzt", erklärt Ökonom Luis Oliveros. "Die haben keine Ahnung von dem Geschäft. Die Fördermenge ist in den sechs Monaten danach nochmals um ein Drittel gesunken. Das illustriert den Zusammenbruch."

PDVSA ist schwer krank. Heute fördert der einstige Goldesel höchstens noch ein Drittel so viel Öl wie vor 20 Jahren. Besserung ist nicht in Sicht. Milliarden sind durch Korruption verschwunden, durch fehlende Investitionen sind die Förderanlagen marode. Hinzu kommen andere wirtschaftliche Entscheidungen aus der Ära Chávez. Mit der Begründung, Reiche schafften Geld ins Ausland und Unternehmer versuchten, das sozialistische Projekt zu sabotierten, führte Chávez Wechselkurskontrollen ein und begann Firmen zu verstaatlichen - in der Stahl- und Zementindustrie, der Telekommunikation, im Bankensektor.

"Die Privatwirtschaft hat keinen Anreiz mehr zu investieren", warnte der Ökonom Elio Ohep schon 2010. "Entweder verkauft sie ihr Eigentum an den Staat oder die Firmen werden enteignet. Aber der Staat als Unternehmer ist ineffizient. Fähige Leute sind gegangen, weil sie nicht auf Linie mit der bolivarianischen Revolution waren und viele, die danach dort das Sagen hatten, sind korrupt."

Nullen streichen als "Lösung" für Hyperinflation

Maduro weitete seit 2013 den Einfluss der Armee auf die Wirtschaft aus. Heute stehen aktuelle und ehemalige Militärs Dutzenden Staatsunternehmen und Hunderten Privatfirmen vor. Auf die Einnahmeausfälle durch den bröckelnden Ölpreis reagierte er nicht mit einem Sparkurs, sondern ließ die Zentralbank frisches Geld drucken. Die folgende Hyperinflation versuchte Maduro zu bekämpfen, indem er der rasant abstürzenden Landeswährung, dem Bolivar, einfach fünf Nullen strich. Das hatte schon unter Chávez nicht funktioniert. "2008 hat die Regierung schon einmal drei Nullen gestrichen", erinnert sich Ökonom Victor Álvarez. "Der Effekt verpuffte schnell, weil die Staatsausgaben extrem hoch blieben und die Zentralbank einfach wieder Geld nachdruckte um die Löcher im Haushalt zu stopfen."

Anhänger von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro halten ein Foto des verstorbenen sozialistischen Ex-Präsidenten Hugo Chavéz. | Bildquelle: AFP
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Viele Anhänger von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro verehren noch immer den verstorbenen sozialistischen Ex-Präsidenten Hugo Chávez.

Dabei hatte Hugo Chávez einst das Ziel ausgegeben, die Wirtschaft zu stärken, die Abhängigkeit von Ölexporten und Konsumgüter- und Lebensmittelimporten zu verringern. Doch genau das ist nicht passiert, warnte bereits 2014 Wirtschaftsexperte Ricardo Arias: "Es ist das Problem Venezuelas, dass es den Erdölboom nicht in die eigene Wirtschaftsentwicklung investiert hat", warnte Wirtschaftsexperte Ricardo Arias bereits 2014. "Wir leben weiterhin fast ausschließlich von Importen. Und so bringt der Verfall des Erdölpreises schwere Probleme für Venezuela mit sich, zumal es gibt kaum noch Devisenreserven gibt."

Lehren der Vergangenheit

Es ist nicht das erste Mal, das Venezuelas Wirtschaft der Kollaps droht. Vor fast genau 30 Jahren, Ende Februar 1989, kam es in Venezuela zu einem Aufstand der Armen. Ein Verfall der Ölpreise und Korruptionsskandale hatten die damalige Marktwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs gebracht und zu rasant steigender Inflation und Arbeitslosigkeit geführt. Der Caracazo genannte und brutal niedergeschlagene Aufstand läutete das Ende der jahrzehntelang stabilen Zweiparteiendemokratie ein und begründete den Aufstieg eines neuen Politikers. Sein Name: Hugo Chávez.

Über dieses Thema berichtete das ARD Morgenmagazin am 08. Februar 2019 um 05:42 Uhr.

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