Frank Walter Steinmeier spricht in Yad Vashem | Bildquelle: AFP

Steinmeier in Yad Vashem "Die bösen Geister in neuem Gewand"

Stand: 23.01.2020 18:07 Uhr

Bundespräsident Steinmeier hat in Yad Vashem an die deutsche Verantwortung des Erinnerns appelliert. "Es darf keinen Schlussstrich geben", sagte er - und erneuerte ein Versprechen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in seiner Rede in Yad Vashem die deutsche Verantwortung im Kampf gegen den Antisemitismus unterstrichen. "75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz stehe ich als deutscher Präsident vor Ihnen allen, beladen mit großer historischer Schuld", sagte er. "Unsere deutsche Verantwortung vergeht nicht", so Steinmeier. "Ihr wollen wir gerecht werden. An ihr sollt Ihr uns messen."

Steinmeier, der als erster deutscher Bundespräsident in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem sprach, begann seine Rede auf Hebräisch. Später sprach er auf Englisch und nicht auf Deutsch - aus Rücksicht auf die Holocaust-Überlebenden im Publikum.

Steinmeier beklagte ein Erstarken des Antisemitismus. "Die bösen Geister zeigen sich heute in neuem Gewand. Mehr noch: Sie präsentieren ihr antisemitisches, ihr völkisches, ihr autoritäres Denken als Antwort für die Zukunft, als neue Lösung für die Probleme unserer Zeit."

"Kein Schlussstrich"

Er wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt. "Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten. Das kann ich nicht sagen, wenn jüdische Kinder auf dem Schulhof bespuckt werden. Das kann ich nicht sagen, wenn unter dem Deckmantel angeblicher Kritik an israelischer Politik kruder Antisemitismus hervorbricht. Das kann ich nicht sagen, wenn nur eine schwere Holztür verhindert, dass ein Rechtsterrorist an Jom Kippur in einer Synagoge in Halle ein Blutbad anrichtet."

Steinmeier spricht in Yad Vashem
tagesthemen 22:15 Uhr, 23.01.2020, Mike Lingenfelser, ARD Tel Aviv

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Es sei nicht dieselbe Zeit, es seien nicht dieselben Worte, nicht dieselben Täter, sagte Steinmeier. "Aber es ist dasselbe Böse. Und es bleibt die eine Antwort: Nie wieder! Niemals wieder! Deshalb darf es keinen Schlussstrich unter das Erinnern geben."

Steinmeier versprach:

"Dieses Deutschland wird sich selbst nur dann gerecht, wenn es seiner historischen Verantwortung gerecht wird: Wir bekämpfen den Antisemitismus! Wir trotzen dem Gift des Nationalismus! Wir schützen jüdisches Leben! Wir stehen an der Seite Israels! Dieses Versprechen erneuere ich hier in Yad Vashem vor den Augen der Welt. Und ich weiß, ich bin nicht allein. Hier in Yad Vashem sagen wir heute gemeinsam: Nein zu Judenhass! Nein zu Menschenhass!"

Israels Präsident Reuven Rivlin umarmte Steinmeier nach der Rede. Israelische Medien stuften die Rede Steinmeiers als sehr beeindruckend ein.

Dank für Solidarität

Bei dem nach Angaben des israelischen Außenministeriums größtem Staatsereignis seit der Gründung Israels gedachten Staatsgäste aus insgesamt rund 50 Ländern der Befreiung Auschwitzs. Rivlin dankte den anwesenden Staatsgästen für die Solidarität mit dem jüdischen Volk. "Antisemitismus hört nicht bei den Juden auf", sagte der 80-jährige Rivlin. "Antisemitismus und Rassismus sind bösartige Krankheiten, die Gesellschaften von innen zerstören."

Netanyahu: "Das antisemitischste Regime der Welt"

Regierungschef Benjamin Netanyahu rief die Staatengemeinschaft dazu auf, sich geschlossen dem Iran entgegenzustellen. "Ich bin besorgt. Besorgt, dass es noch immer keine gemeinsame, entschlossene Haltung gegen das antisemitischste Regime der Welt gibt. Ein Regime, das den einzigen jüdischen Staat auslöschen will."

Mosche Kantor, Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, warnte vor einer massiven Abwanderung von Juden aus Europa. "In den letzten Jahren sind pro Jahr rund drei Prozent der Juden wegen Antisemitismus aus Europa ausgewandert", sagte er. "Das bedeutet, dass es sein könnte, dass es in nur 30 Jahren - wenn der aktuelle Trend anhält oder sich verschlimmert - in Europa im Jahr 2050 keine Juden mehr gibt."

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warnte vor einem Wiedererstarken des Antisemitismus. In unseren Demokratien komme der Antisemitismus wieder - und zwar "gewalttätig und brutal", sagte Macron.

Gruppenfoto der Staatsgäste in Yad Vashem | Bildquelle: REUTERS
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Staatsgäste aus rund 50 Ländern haben in Jerusalem an die Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren gedacht.

Streit zwischen Putin und Duda

Überschattet wurde die Veranstaltung von der Absage von Polens Präsident Andrzej Duda. Er reiste aus Protest nicht an, weil er anders als Russlands Präsident Wladimir Putin nicht als Redner vorgesehen war. Zwischen Polen und Russland gibt es diplomatische Spannungen wegen Putins Behauptung, Polen trage eine Mitschuld am Beginn des Zweiten Weltkrieges. Polen wirft ihm vor, die Geschichte im Widerspruch zu historischen Fakten umzudeuten.

Putin ging in seiner Rede in Jerusalem nur nebenbei auf den Streit um die Geschichte ein. "Heute wird das Thema politisiert, das ist unmöglich", sagte er. Die Nazis hätten in den besetzten Ländern einheimische Kollaborateure gehabt - "Helfer der Nazis, die oftmals grausamer waren als die Nazis". Direkte Vorwürfe gegen Polen erhob Putin aber nicht.  Putin schlug ein Gipfeltreffen der fünf ständigen Mitglieder im UN-Sicherheitsrat vor, um Hass und Antisemitismus entgegenzutreten.

Die Spitzen von EU-Parlament, Rat und Kommission warnten indes in Brüssel ebenfalls vor einem Vergessen der Geschichte. "Der Holocaust war eine europäische Tragödie, ein Wendepunkt in unserer Geschichte", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Parlamentspräsident David Sassoli, Ratspräsident Charles Michel und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die auch jüngste Fälle antisemitischer Gewalt anspricht.

Mit Informationen von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

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