Chen Kau in seinem Laden in Hongkong

Weltspiegel-Reportage Die letzten Briefeschreiber von Hongkong

Stand: 30.06.2019 05:13 Uhr

Schreibmaschine und Rechenschieber statt PC und Smartphone: In Hongkong gibt es noch Menschen, die für ihre Kunden nach alter Tradition Briefe verfassen. Doch die einst so hohe Nachfrage ist Vergangenheit.

Von Mario Schmidt, ARD-Studio Peking

Chen Kau saß in seinem kleinen Laden schon vor mehr als 40 Jahren. Auf den alten Holztafeln preist er seine Dienste als Briefeschreiber an, auch wenn die in der alten Form heute nur noch selten nachgefragt werden.

Vor ihm sein alter loyaler Freund, wie er seine Schreibmaschine nennt. Der 76-Jährige ist einer der letzten Briefeschreiber Hongkongs. Im heißen Sommer immer ohne Hemd - und die technische Entwicklung hat ihn auch nie interessiert: "Ein Computer kann abstürzen oder macht manchmal Fehler. Aber diese Schreibmaschine macht selten Fehler. Und außerdem nutze ich den Abakus, um die Rechnungen doppelt zu prüfen."

Der letzte Briefeschreiber von Hongkong
28.06.2019, Mario Schmidt, ARD Peking

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Zeitweise mehr als 300 Briefeschreiber

Internet, E-Mail - Onkel Kau, wie er hier heißt, braucht das alles nicht. Er arbeitet im Viertel Yau Ma Tai. Unter einer Stadtautobahn liegt der auch bei Touristen beliebte Jademarkt. Und an einer Seite stehen die Bretterbuden der Briefeschreiber - als wäre die Zeit stehen geblieben. Heute haben noch fünf Shops geöffnet, vielmehr sind auch nicht übrig geblieben von der einst blühenden Branche.

Das britische Hongkong entwickelte sich in den 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre erst allmählich zu dem heutigen Finanz- und Wirtschaftszentrum. Aber es war schon freier als andere Teile Asiens. Es gab viele Flüchtlinge, auch vom chinesischen Festland. Das Bildungsniveau war niedrig. Deshalb gab es zeitweilig mehr als 300 Briefeschreiber in der Stadt, an die sie sich die Menschen wenden konnten.

Liebesbriefe schreiben Frauen

Hierher kam damals auch Chen Kau, aber aus Vietnam. Dort hatte er als Buchhalter gearbeitet, wurde Dolmetscher beim Militär, bevor er schließlich im Vietnamkrieg nach Hongkong floh. Er spricht vier Sprachen – und so fing er an, für andere zu schreiben: "Ich habe nicht nur Briefe an die Familien zuhause geschrieben. Häufiger noch waren es offizielle Schreiben an die Behörden, denn in der britischen Zeit mussten sie auf Englisch geschrieben werden."

Chen Kau in seinem Laden in Hongkong | Bildquelle: Mario Schmidt
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Briefeschreiber Chen Kau sitzt ohne Hemd in seinem Laden in Hongkong.

Im Nachbarshop sitzen Herr To On und der 90-jährige Herr Tsui. Der schrieb damals Bewerbungen für Kunden, die keine Arbeit hatten, Anträge für Sozialwohnungen oder Wasseranschlüsse - nur Liebesbriefe lehnte er ab, die seien ihm zu persönlich gewesen, sagt Tsui Lun Tong: "Es gab Anfragen, aber die wurden dann von fünf darauf spezialisierten Frauen übernommen. Diese Briefeschreiberinnen haben das mit viel Hingabe gemacht, sie waren brillant. Alles ehemalige Lehrerinnen."

Aus Briefeschreibern werden Steuerberater

Die Briefeschreiber bessern ihre Rente auf und wollen nicht den ganzen Tag zuhause sitzen. Herr Tsuis Laden hängt voll mit Erinnerungen. Viele Poster mit ihm in Kostümen, denn auch die besondere Form der Peking-Oper hat er früher gesungen. Onkel Kau lässt sich jeden Tag das Essen liefern. Acht Stunden sitzt er in seinem alten Shop und bewegt sich kaum vom Fleck.

Die Briefeschreiber haben längst ein neues Aufgabenfeld, sie kümmern sich vor allem um die Steuererklärungen kleinerer Läden, nur noch selten werden Briefe an Behörden nachgefragt. Mit Beginn des Wirtschaftsbooms stieg in den 1980er-Jahren das Bildungsniveau. Und seit Hongkong als Sonderverwaltungszone wieder zu China gehört, ist auch Englisch nicht mehr so wichtig.

Im Regal stapeln sich die Dokumente, mit Gummibändern zusammengehalten. Onkel Kau hat hier dennoch den Überblick. Die Kunden sind mit den Diensten der alten Briefeschreiber zufrieden, erklärt Ladenbesitzer Pang Hoi Wah. "Sie sind sehr professionell, es gibt keinen Unterschied zu den offiziellen Steuerberater-Büros, die nehmen nur mehr Geld. Hier werde ich sogar noch besser bedient, denn jede Nachfrage wird sofort beantwortet."

Proteste werden in Zeitung verfolgt

An manchen Tagen kommen trotzdem gar keine Kunden. Bei ihnen im Jademarkt herrscht meistens Ruhe. Ganz anders ist die Stimmung draußen. Auf den Straßen von Hongkong gibt es seit Wochen immer wieder Massenproteste. Vor allem junge Hongkonger haben Angst - sie sehen ihre Freiheitsrechte in Gefahr und fürchten, dass das autoritäre Peking seinen Einfluss in der Sonderverwaltungszone weiter ausbaut.  

Proteste in Hongkong | Bildquelle: dpa
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Proteste in Hongkong: Vor allem junge Hongkonger haben Angst, dass das autoritäre Peking seinen Einfluss in der Sonderverwaltungszone weiter ausbaut.

Im Jademarkt verfolgen sie die Proteste in der Zeitung. Sie selbst fühlen sich dafür zu alt. Sie machen sich eher Sorgen um die Stabilität Hongkongs. Verständnis für die Zukunftsängste der jungen Hongkonger haben sie dennoch: "Sie können sich oft keine eigene Wohnung leisten. Uni-Absolventen haben so viele Hürden gemeistert, trotzdem bekommen sie gerade einmal 10000 Hongkong Dollar, umgerechnet etwa 1100 Euro im Monat", sagt Briefeschreiber To On. Das reiche nicht einmal, um ihre Lebenshaltungskosten zu decken, "ganz zu schweigen von einer Hochzeit oder einer Familiengründung. Das steigert ihren Ärger."

"Nicht immer demonstrieren"

Sein Kollege Tsui Lun Tong sieht beide Seiten in der Pflicht: Wenn er heute einen Brief an die Regierung schreiben müsste, würde er den Demonstranten und der Regierung sagen, sie sollen die Probleme friedlich lösen, mehr miteinander reden. "Nicht immer demonstrieren und protestieren. Wenn beide Seiten voller Wut sind, bricht Chaos aus."

Chen Kau will mit Politik nichts zu tun haben, aber er hat keinen Zweifel daran, dass das mächtige Peking die Kontrolle über Hongkong immer weiter ausweiten werde. Ihn treibt derzeit vor allem um, dass er keinen Nachfolger findet. Seine Augen werden schlechter. Ende des Jahres will er aufhören.

Mit seinem Shop verschwindet dann eine weitere Erinnerung an die britische Kolonialzeit. Um 18 Uhr schließt der Jademarkt, dann machen auch die Briefeschreiber ihre Läden zu. Onkel Kau fährt mit dem Bus nach Hause zu seiner Frau. Auch die beiden Kinder und seine Enkel leben in Hongkong. Doch vorher bringt er noch sein Tagewerk im alten Beutel zum guten alten Briefkasten.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 30. Juni 2019 um 19:20 Uhr.

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