Hongkonger stehen an, um sich auf das Coronavirus testen zu lassen. | Bildquelle: REUTERS

Coronavirus in Hongkong Keine Parlamentswahl, dafür Massentests

Stand: 05.09.2020 06:27 Uhr

Eigentlich sollten die Hongkonger am Sonntag ein neues Parlament wählen - doch das wurde verschoben. Begründung: Sorge vor einer Ausbreitung des Coronavirus. Stattdessen sollen die Bürger nun zu Massentests antreten.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Seit Anfang der Woche können sich alle Bewohnerinnen und Bewohner Hongkongs kostenlos testen lassen auf Covid-19. Zum Auftakt der massiv beworbenen Massentest-Aktion ließen sich am Dienstag auch hochrangige Regierungsmitglieder testen, darunter Regierungschefin Carrie Lam. In einem in einer Sporthalle eingerichteten Testzentrum ließ sie sich medienwirksam ein Wattestäbchen in die Nase schieben und sagte danach: "Das ist ein Service für alle Menschen in Hongkong, die sich testen lassen wollen. Das ist auch ein Service für uns alle, um bisher unbekannte Fälle in der Gesellschaft aufzuspüren, damit wir so schnell wie möglich zur Normalität zurückkehren können."

Noch ist der Alltag der meisten Menschen in Hongkong alles andere als normal. Die überwiegend auf Dienstleistung und internationalen Austausch ausgerichtete Wirtschaft der Finanzmetropole steckt angesichts von Massenprotesten, Covid-19-Krise und geschlossenen Grenzen in einer tiefen Rezession. Der politische Dauerkonflikt zwischen der von Chinas Staatsführung eingesetzten Stadtregierung und der pro-demokratischen Mehrheit der Gesellschaft ist völlig verhärtet. Beide Seiten trauen sich nicht über den Weg.

Massentests - wieso jetzt erst?

Das zeigt sich auch an der Skepsis, mit der viele Hongkongerinnen und Hongkonger auf den neuen Corona-Massentest reagiert haben. Für Misstrauen sorgt unter anderem, dass die Gesundheitsbehörden aus Festlandchina kräftig mitmischen bei der Testkampagne. "Ich weiß nicht so recht, was die Regierung da vorhat", sagt eine 28-Jährige. "Das Testprogramm wurde mit großer Eile beworben. Das zeigt, dass unsere Regierung nicht auf Experten und Ärzte hört, sondern nur auf Festland-China. Ich glaube, unsere Experten hier in Hongkong sind qualifizierter als die aus Festlandchina. Und dann entsendet die chinesische Führung 60 Mediziner hier nach Hongkong. Wenn das so eine tolle Idee ist mit diesem Massentest - wieso dann erst jetzt?"

Viele Vertreter und Vertreterinnen aus dem pro-demokratischen politischen Lager Hongkongs lehnen den Massentest rundweg ab. Sie haben zu einem Boykott aufgerufen. Chinas kommunistische Führung wolle über den Corona-Massentest an persönliche Daten der Menschen kommen, lautet der Vorwurf. Es bestehe die Gefahr, dass die Tests missbraucht würden, um von Hongkongern eine DNA- bzw. Gen-Datenbank in Festlandchina anzulegen.

Belege für diese These gibt es nicht, aber sie zeigt, dass viele Menschen in Hongkong der Führung in Peking alles zutrauen. Ein 30-jährige Hongkonger sagt: "40, 50 oder 60 Prozent der Menschen haben kein Vertrauen mehr in die Regierung. Das hat Folgen. Kein Wunder also, dass das jetzt alles politisiert wird."

600 Wahllokale, aber nur 140 Testzentren

Was viele zusätzlich wütend macht: Während die Regierung die für dieses Wochenende geplante Parlamentswahl wegen der Corona-Ansteckungsgefahr verschoben hat, findet der Massentest statt. Völlig unlogisch sei das, sagt eine 24-Jährige: "Das ist doch lächerlich. Die Menschen sollen in eines von rund 140 Testzentren kommen, wo die Infektionsgefahr doch viel höher ist als in den geplanten 600 Wahllokalen. Aber die Leute blicken natürlich, was die Regierung mit der Verschiebung der Wahl erreichen will. Hier läuft eine Verschwörung gegen uns. Das ist doch offensichtlich."

Für großes Misstrauen sorgt in Hongkong auch weiterhin das Gesetz zur Nationalen Sicherheit. Chinas kommunistische Führung hatte es im Juli in der autonomen Stadt in Kraft gesetzt. Es führt seitdem zu überall wahrnehmbarer Selbstzensur: In der Öffentlichkeit, in Firmen und in den Medien wird nur noch vorsichtig über Politik gesprochen. Viele Menschen haben ihre Social-Media-Aktivitäten eingeschränkt. Hongkongs Polizei hat im Zuge des Gesetzes zahlreiche Kritiker der Kommunistischen Führung festgenommen. An Schulen und Unis stellen sich zum Ende der Sommerferien nun viele Professorinnen und Lehrer dieser Tage die Frage, was sie im Unterricht überhaupt noch sagen dürfen. Hongkongs Regierung ignoriert diese Sorgen weitgehend. Stattdessen bewirbt sie den Covid-Massentest, der bisher recht unspekakulär verlief: In den ersten Tagen wurden unter rund 130.000 Getesteten gerade einmal sechs Fälle nachgewiesen.

Hongkong: Ungeliebter Corona-Massentest statt ersehnter Parlamentswahl
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
05.09.2020 06:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. September 2020 um 06:44 Uhr.

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