Schüler protestieren in Hongkong | Bildquelle: dpa

Bildungsreform in Hongkong? Lehrer kämpfen für freie Lehre

Stand: 06.12.2019 12:29 Uhr

Kritisches Denken steht in der Kritik. Die Peking-treuen Kräfte im Hongkonger Parlament wollen "patriotische Bildung" in den Schulen durchsetzen. Widerstand ist ihnen gewiss.

Von Ruth Kirchner, RBB zzt. Hongkong

Im internationalen PISA-Vergleich landeten Hongkongs Schulen gerade erst wieder in der Spitzengruppe der besten zehn der Welt - trotzdem ist in der chinesischen Sonderverwaltungszone fast täglich Kritik am Schulsystem zu hören. Vor wenigen Tagen stimmte Regierungschefin Carrie Lam in den Klagechor mit ein. Lam forderte mehr Staatsbürgerkunde - auch für Hongkongs Schüler. Ihr Nationalgefühl müsse gefördert werden, sagte sie in einer Rede.

Die Kritik ist nicht neu, aber der Ton

Die Kritik, der Schulunterricht vermittele zu wenig Nationalgefühl und sei zu China-kritisch, gibt es seit Jahren. Aber seit Beginn der Massenproteste im Juni, die vor allem von jungen Leuten getragen werden, hat sich der Ton deutlich verschärft: Jetzt heißt es sogar, die Schulen hätten die jungen Hongkonger politisch radikalisiert. Einige Lehrer würden ihre oppositionellen Ansichten auf die Schüler übertragen, erklärte kürzlich ein Hongkonger Schulleiter im chinesischen Staatsfernsehen. So würden Gesetzesbrüche propagiert, die dann von den Schülern in die Tat umgesetzt würden.

Schüler gehen in Hongkong protestieren | Bildquelle: dpa
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Von der Schule auf die Straße. Hongkongs Schüler sind politisiert.

Gefährliche Gemeinschaftskunde?

Im Visier der Kritik: das Unterrichtsfach Liberal Studies, eine Art Gemeinschaftskunde, Pflichtfach für alle Oberschüler in den letzten beiden Schuljahren. Die Globalisierung und der Umweltschutz stehen auf dem Lehrplan, aber auch das moderne China und das politische System Hongkongs. Dass dabei auch kritische Themen zur Sprache kommen, sei selbstverständlich, sagt der Abgeordnete Ip Kin-Yuen, Vizechef der Lehrergewerkschaft: "Es ist wichtig, ausgewogen zu sein, mit den Schülern nicht nur über die positiven, sondern auch über die negativen Seiten zu sprechen: über die wirtschaftlichen Erfolge Chinas, aber auch über den 4. Juni 1989, also die Niederschlagung der Demokratiebewegung. Es gibt Dinge, die Peking verschweigen will, die wir aber wissen sollten."

Auch Lehrer Colin Lai Tak-chung wehrt sich gegen die Kritik aus dem Peking-freundlichen Lager. Seit Jahren unterrichtet er Liberal Studies an einer Hongkonger Elite-Schule. Es gehe darum den Schülern kritisches Denken beizubringen, betont er. Lais Erfahrung: Wer ein Problem von unterschiedlichen Perspektiven aus betrachtet, rücke meist von radikalen Positionen ab. Peking-freundliche Politiker würden Liberal Studies als Sündenbock benutzen, sagt Lai. "Alles was in den letzten Monaten in Hongkong passiert ist, einem Schulfach anzukreiden, das ist doch lächerlich."

"Politik gehört zu unserem Leben dazu"

Doch die Kritiker aus dem Peking-treuen Lager bleiben hartnäckig. Der Versuch, Liberal Studies nicht mehr als Pflicht-, sondern nur noch als Wahlfach zu unterrichten, ist zwar vorerst gescheitert. Aber jetzt sollen die gesamten Lehrpläne untersucht werden. Auch die Schulbücher sollten einer staatlichen Revision unterzogen werden, fordern Peking-freundliche Abgeordnete. Lehrer Lai macht sich Sorgen: "Ich fürchte, dass sie versuchen werden, die politisch heiklen Themen aus dem Lehrplan zu nehmen. Das finde ich falsch - Politik gehört zu unserem Leben dazu, das kann man nicht einfach streichen."

Joshua Wong | Bildquelle: AFP
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Joshua Wong - 2012 protestierte er gegen Schulreformen, heute ist er der Kopf der Demokratiebewegung in Hongkong.

Aber auch der lange Arm Pekings greift nach den Hongkonger Schulen. Erst im Oktober hatte das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Richtlinien für mehr "Patriotische Bildung" vorgelegt und dabei ausdrücklich auch Hongkong genannt. Der Druck steige immer weiter, klagen die Gewerkschaftler. Doch die Regierungen in Hongkong und Peking wissen auch: Die Schulen sind ein Minenfeld. Der Versuch, mehr "Patriotische Bildung" zu verordnen, ist schon einmal gescheitert. 2012 führte ein gerade mal 15-jähriger Schüler die Proteste an. Sein Name: Joshua Wong. Heute ist er einer der bekanntesten Vertreter der Demokratiebewegung.

Hongkong: Pekings langer Arm
R. Kirchner, Hongkong
06.12.2019 10:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. Dezember 2019 um 07:11 Uhr.

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