Ibiza-Video Mutmaßlicher Drahtzieher packt aus

Stand: 27.01.2021 17:52 Uhr

Im Mai 2019 löste ein heimlich aufgenommenes Video ein politisches Erdbeben in Österreich aus. Vizekanzler Strache zeigte sich darin anfällig für Korruption. Nun hat sich der mutmaßliche Drahtzieher geäußert.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Als sich der damalige Chef der rechten FPÖ und spätere österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache an einem Sommerabend 2017 um Kopf und Karriere redet, sitzt Julian H. mit am Tisch. Der Privatdetektiv gibt sich als Übersetzer und Berater der vermeintlichen russischen Oligarchennichte aus, mit der Strache einen ganzen Abend lang über mögliche krumme Geschäfte verhandelt.

Ein Video von dem Treffen auf der Ferieninsel Ibiza wird im Mai 2019 veröffentlicht und löst in Österreich ein politisches Erdbeben aus: Strache tritt zurück, die Koalition mit der ÖVP platzt, es kommt zu Neuwahlen. Was bleibt, sind viele Fragen, die bis heute nicht geklärt sind und ein schlechtes Licht auf die politische Kultur in Österreich werfen.

Idee zum Video entstand im Sommer 2016

Das Treffen auf Ibiza war eine Falle, die vermeintliche Oligarchennichte spielte nur eine Rolle. Und Julian H. soll das alles organisiert haben. Nun hat sich der mutmaßliche Drahtzieher in Interviews in mehreren Zeitungen erstmals zu Wort gemeldet.

Die Idee, Strache mit verdeckten Aufnahmen eine Falle zu stellen, sei ihm gemeinsam mit einem Wiener Anwalt im Sommer 2016 gekommen, berichtet Julian H. dem österreichischen "Standard". Erste Versuche seien aber "amateurhaft" gewesen. Daher habe man den Plan gefasst, über Straches damaligen Parteifreund und Vertrauten Johann Gudenus und mithilfe einer falschen Oligarchennichte Zugang zum FPÖ-Chef zu suchen. Auf ihre Behauptung, russisches Schwarzgeld nach Österreich bringen zu wollen, sei Gudenus "sofort eingegangen".

Wurden dem Drahtzieher Millionen geboten?

Im Wahlkampf 2017 versuchte der Wiener Anwalt dann laut Julian H., das Video zu verkaufen. Ziel sei es gewesen, den Leibwächter Straches finanziell abzusichern. Dieser soll bereits seit 2015 versucht haben, belastendes Material über den FPÖ-Chef an den Mann zu bringen - unter anderem Aufnahmen von Sporttaschen mit mutmaßlich aus Osteuropa stammendem Bargeld in Straches Auto.

Das Ibiza-Video sei letztlich nicht verkauft worden, sagt Julian H. dem "Standard". Ihm seien aber "zwei, drei Millionen Euro" geboten worden, wenn er sich öffentlich zu dem Video bekennen und die SPÖ oder den Industriellen und Großspender der oppositionellen Neos, Hans Peter Haselsteiner, belasten würde. Vom wem das Angebot kam, sagt Julian H. nicht.

Opposition zeigt sich empört

Diese Aussage sei eine "Bombe, die zu Konsequenzen führen werde", meint Jan Krainer, der die SPÖ-Fraktion im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Ibiza-Affäre anführt. Für ihn erschließe sich nun das Handeln der Kanzlerpartei ÖVP, die seit Wochen und Monaten versuche, der SPÖ die Schuld in die Schuhe zu schieben, das Video in Auftrag gegeben zu haben. Auch Stefanie Krisper von den oppositionellen Neos schlägt in dieselbe Kerbe: "Das ist genau das Narrativ, das die ÖVP seit Anfang dieses Skandals versucht zu fahren."

ÖVP-Fraktionsführer Wolfgang Gerstl bewertet die Reaktionen der Opposition hingegen als "ÖVP-Bashing". Denn bei den Befragungen im Untersuchungsausschuss habe sich gezeigt, dass die SPÖ schon mehr als ein Jahr vor Veröffentlichung von der Existenz des Ibiza-Videos gewusst haben müsse: "Es stellt sich nur die Frage, warum hat sie es nie zur Anzeige gebracht?"

Bundespräsident erhielt E-Mail vor Veröffentlichung

Die rechte FPÖ wiederum bezeichnet die Interviews von Julian H. als "skandalöse Enthüllungen". Hintergrund sind Angaben von Julian H., er habe die Kanzlei von Bundespräsident Alexander Van der Bellen über das Video informiert. Christian Hafenecker, FPÖ-Fraktionsführer im Ibiza-U-Ausschuss, nimmt sogar das Wort Staatsstreich in den Mund. Bundespräsident Van der Bellen und sein Team hätten ihm zufolge damit rechnen müssen, dass die Regierung zerbricht oder dass es zumindest zu Verwerfungen kommt. "Und was hat der Bundespräsident gemacht? Nichts."

Tatsächlich bestätigt die Präsidentschaftskanzlei auf Anfrage der österreichischen Nachrichtenagentur APA erstmals, vor der Veröffentlichung des Videos kontaktiert worden zu sein. Man habe am 16. Mai 2019, also einen Tag vor Veröffentlichung, eine E-Mail erhalten. Diese habe "vage Andeutungen über eine bevorstehende Veröffentlichung zum Thema Korruption" enthalten. Von einem Treffen hingegen sei "nichts bekannt". Die FPÖ will Van der Bellen und seinen engen Mitarbeiter Lothar Lockl nun in den U-Ausschuss laden.

Julian H. sitzt gegenwärtig in einem Gefängnis in Berlin. Von dort aus hat er die Interviews gegeben. Festgenommen worden war er Mitte Dezember 2020 auf Geheiß der österreichischen Justiz. Sie wirft ihm Drogenhandel und versuchte Erpressung vor. Der Privatdetektiv wehrt sich jedoch gegen den Auslieferungsantrag Österreichs. Die Vorwürfe gegen ihn bezeichnet er als "konstruiert".

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