Weißhelme im Einsatz in Syrien | Bildquelle: AP

Offensive in Idlib Leben retten im Bombenhagel

Stand: 22.08.2019 14:04 Uhr

Syriens Armee hat in der Rebellenhochburg Idlib die strategisch wichtige Stadt Chan Scheichun eingenommen. Auch die Helfer der Organisation Weißhelme geraten immer wieder in die Schusslinie.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Wieder sind Bomben eingeschlagen. Wieder müssen die Helfer der Weißhelme los. Jetzt zählt jede Sekunde. Sie rasen mit ihrem Rettungswagen über eine staubige Straße in der syrischen Stadt Maaret Al Numaan Richtung Süden. Über Funk erfährt Mohamed Taameh die Koordinaten der Unglücksstelle. Russische Kampfjets hätten im Morgengrauen zwei Angriffswellen auf ein Wohnviertel geflogen. Mindestens ein Jugendlicher soll verletzt worden sein.

Der Jugendliche wird in einer Klinik behandelt. Womöglich sind es aber noch mehr Opfer. "Wir müssen raus und schauen, ob wir nach den Luftangriffen noch Menschen in den Trümmern finden", sagt Taameh. Wenige Minuten später springt er mit seinem Kollegen aus dem Fahrzeug, eilt zu einem Wohnhaus, das in Trümmern liegt und sucht nach Überlebenden. "Ist da jemand, irgendwer hier?“, ruft er immer wieder. Glücklicherweise scheint es keine weiteren Verletzte oder Tote zu geben. Zumindest bei diesem Einsatz im Süden der syrischen Provinz Idlib.

Tausende Zivilisten aus Trümmern gezogen

"Wir helfen Zivilisten. Kindern, Frauen, Älteren, die verletzt sind", sagt Taameh. "Unsere Arbeit ist sehr wichtig, weil es sonst keine Organisation vor Ort gibt, die Menschenleben rettet."

Als der Krieg in Syrien ausbrach, gab Taameh sein Studium der Ingenieurwissenschaften auf und schloss sich den Weißhelmen an. Mit 180 anderen freiwilligen Helfern der Rettungszentrale von Maaret Al Numaan zog der Familienvater seit 2013 schon Tausende Menschen aus den Trümmern. Weiteren Tausenden allerdings konnten sie nicht mehr helfen.

Zerstörungen in der syrischen Stadt Chan Schaichun im Süden der Provinz Idlib | Bildquelle: AFP
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Straßenzug in Chan Scheichun. Der Süden der Provinz Idlib ist von Regierungstruppen eingekesselt.

Millionen sitzen in der Falle

Seit Beginn der Offensive auf Idlib sind die Weißhelme permanent im Einsatz. Syrische und russische Kampfjets bombardieren fast rund um die Uhr Ziele im Süden der letzten Rebellenhochburg Syriens. Die Region wird von Al-Kaida-nahen Milizen kontrolliert. Es sind etwa zehntausend radikal-islamische Kämpfer, die gut ausgerüstet, kampferprobt und entschlossen sind, sich Assad entgegen zu stellen.

Doch in Idlib leben auch drei Millionen Zivilisten, unter ihnen eine Million Kinder. Knapp jeder Zweite ist aus anderen Landesteilen Syriens geflohen. Nun aber sitzen die Menschen in der Falle. Der Weg in andere Provinzen ist verschlossen.

Tagelanges Bombardement

Die Kämpfe konzentrieren sich bislang auf die Randgebiete der Provinz. Zunächst lief die Regierungsoffensive denkbar zäh. Die Aufständischen leisteten erbittert Widerstand. Nun allerdings haben syrische und russische Einheiten nach tagelangem Bombardement die Stadt Chan Scheichun unweit von Maaret Al Numaan und nördlich von Homs eingenommen. Es ist eine strategisch wichtige Stadt im Süden Idlibs. Beobachter sprechen von einem Durchbruch.

Der Süden der Provinz ist damit von Regierungstruppen eingekesselt. Die Aufständischen sind von einer wichtigen Verbindungsstraße abgeschnitten. Es könnte der Auftakt einer Großoffensive sein, vor der die Vereinten Nationen immer gewarnt haben - trotz eines Waffenstillstands vom vergangenen September, der allerdings längst Makulatur ist.

Zerstörungen in der syrischen Stadt Chan Schaichun im Süden der Provinz Idlib | Bildquelle: AFP
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Zerstörungen in der syrischen Stadt Chan Scheichun. Zehntausende Menschen sind schon Richtung Norden geflohen.

Mehr als 400.000 Menschen auf der Flucht

Zehntausende Menschen sind aus Chan Schaichun schon Richtung Norden geflohen. Seit Beginn der Offensive sind laut UN schon mehr als 400.000 Menschen auf der Flucht. Irgendwann könnten sie versuchen, die Grenze zur Türkei zu überqueren. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will das um jeden Preis verhindern. Er hat einige Gruppierungen in Idlib mit Waffen ausgerüstet und sie ausgebildet. Die Türkei sieht sich als ihre Schutzmacht.

Dem Vormarsch Assads allerdings kann er bislang wenig entgegensetzen. Der hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er ganz Syrien wieder unter seine Kontrolle bringen will. Und dabei kennt er wenig Skrupel.

Märkte und Kliniken unter Beschuss

In den vergangenen Monaten wurden immer wieder Kliniken, Märkte und auch Schulen bombardiert. Beobachter sehen darin eine Zermürbungsstrategie, die Assad schon oft und erfolgreich im syrischen Bürgerkrieg verfolgt hat. Die Helfer der Weißhelme dokumentieren solche Menschenrechtsverletzungen mit ihren Helmkameras. Aus Sicht der Regierung sind sie wohl auch deshalb Helfer von Terroristen.

Immer wieder geraten die Weißhelme selbst in die Schusslinie. "Jedesmal, wenn wir zu Hilfe eilen, Menschen retten wollen, fliegen russische Kampfjets eine zweite Angriffswelle, bei der Rettungskräfte getroffen werden. Viele unserer Helfer sind schon verletzt und getötet worden", erzählt Taameh. In den vergangenen drei Monaten seien neun freiwillige Helfer ums Leben gekommen - darunter auch ein guter Freund von ihm.

Letztlich habe ihn das nur noch stärker gemacht, sagt Taameh. "Wenn wir Zivilisten, Kinder, Frauen retten, riskieren wir unser Leben. Aber wir werden weitermachen bis zum letzten Atemzug."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. August 2019 um 15:00 Uhr.

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