Hongkong Erste Impfungen, große Skepsis

Stand: 26.02.2021 16:20 Uhr

China hat bereits mehr als 40 Millionen Impfdosen verabreicht. In der Sonderverwaltungszone Hongkong haben die Impfungen erst heute begonnen. Doch nicht einmal 40 Prozent der Hongkonger wollen sich überhaupt impfen lassen.

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking, zzt. Berlin

Die ganze Woche schon lief die Werbekampagne für die Covid-Impfungen in Hongkong auf Hochtouren. Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam ließ sich Anfang der Woche in einem Blitzlichtgewitter vor laufenden Kameras impfen. Anschließend wandte sie sich mit einem dringenden Aufruf an die rund sieben Millionen Bürger der chinesischen Sonderverwaltungsregion: "Wenn Sie dran sind, registrieren Sie sich online, und lassen Sie sich so schnell wie möglich impfen."

Weniger als 40 Prozent wollen sich impfen lassen

Aber wie viele Hongkonger diesem Appell folgen werden, ist unklar. Die Skepsis gegenüber den Covid-Impfungen ist groß: "Ich bin doch schon zu alt", sagt eine Frau in einem Park. "Ich bin über 80, ich lasse mich nicht impfen." "Ich warte noch ab, bevor ich mich entscheide", sagt eine junge Frau zögernd.

Laut Umfragen wollen sich weniger als 40 Prozent der Hongkonger Bürger impfen lassen. Trotz leidvoller Erfahrungen mit früheren Pandemien wie SARS ist die Impfbereitschaft damit deutlich niedriger als etwa in Deutschland, wo sich zwei Drittel impfen lassen wollen.

Der Medizinhistoriker Harry Wu von der Universität Hongkong macht für die Skepsis nicht nur mangelnde Aufklärung verantwortlich: "Seit über einem Jahrzehnt gibt es ein tiefes Misstrauen gegenüber der Regierung", erklärt er. "Egal, was die Regierung sagt: Die Schere zwischen Regierung und den Reaktionen der Bürger geht weit auseinander."

Tiefes Misstrauen, Angst vor staatlichem Zugriff

Dieses Misstrauen ist in den letzten zwei Jahren deutlich gewachsen - erst die Massendemonstrationen gegen das Auslieferungsgesetz mit Festland-China, dann das nationale Sicherheitsgesetz. Zu spüren bekommt die Regierung das in der Pandemie immer wieder. Die Hongkonger Corona-App stößt auf tiefe Skepsis aus Angst vor staatlichen Zugriffsmöglichkeiten auf die Daten. Jetzt hilft es nur bedingt, dass die Regierung immer wieder versichert, Impfungen seien unbedenklich. Zuerst sind die über 60-Jährigen dran, Bewohner von Pflegeheimen und Risiko-Berufsgruppen wie Pflegekräfte, Ärzte und Polizisten.

"Das ist hochpolitisch"

"Die Wissenschaft ist der letzte Faktor, der die Haltung der Menschen gegenüber Impfungen beeinflusst", sagt Wissenschaftler Wu. "Das ist nicht nur in Hongkong so, sondern überall auf der Welt. Das ist hochpolitisch."

Hinzu kommt, dass in Hongkong zunächst das chinesische Vakzin Sinovac zum Einsatz kommt, der Impfstoff von BioNTech/Pfizer kommt später dazu. Aber die veröffentlichten Daten zu Sinovac sind immer noch lückenhaft. Was das ohnehin große Misstrauen in Hongkong gegenüber allem, was aus Festland-China kommt, noch verstärkt.

Auf anderen Impfstoff warten

"Das geht auch mir durch den Kopf", sagt ein Student. "Ich würde lieber warten, bis mehr Impfstoff aus anderen Ländern kommt. Eine Impfung aus Festland-China hätte ich nicht so gerne." Wer weniger Peking-kritisch eingestellt ist, sieht das oft anders. Er sei doch Chinese, sagt ein Mann. Er wolle mit Sinovac geimpft werden, weil er sein Land unterstützen will.

Andere, die sich einen der ersten Impftermine bereits gesichert haben, wollen endlich wieder mit weniger Einschränkungen leben, reisen oder Verwandte in Festland-China besuchen - oder einfach die Angst vor einer Erkrankung verlieren. Aber das Impfen in Hongkong bleibt - allen Appellen zum Trotz - auch politisch.

Hongkong beginnt mit Corona-Impfungen, aber die Skepsis ist groß
Ruth Kirchner, ARD Peking
26.02.2021 15:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 26. Februar 2021 um 11:45 Uhr.

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Ruth Kirchner, RBB

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