Mit chinesischem Vakzin Mehr als 500.000 Menschen in Türkei geimpft

Stand: 15.01.2021 16:23 Uhr

Die Türkei setzt im Kampf gegen das Coronavirus voll auf den Impfstoff der chinesischen Firma Sinovac. In nur zwei Tagen haben bereits Hunderttausende das Mittel erhalten. Doch in der Bevölkerung gibt es Vorbehalte.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Mit Verspätung hat jetzt auch die Impfaktion in der Türkei begonnen. Ursprünglich sollte es schon Mitte Dezember losgehen. Doch es habe Probleme bei der Lieferung des aus China bestellten Impfstoffes gegeben, hieß es. Das Mittel des chinesischen Herstellers Sinovac hatte erst am Mittwoch eine Notzulassung in der Türkei erhalten.

Zuerst sollen Mitarbeiter des Gesundheitswesens geimpft werden - allerdings gibt es Ausnahmen: Mit gutem Beispiel ging nämlich Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan voran. Regungslos saß er mit weißem Mundschutz auf einem Stuhl, den linken Ärmel seines schwarzen T-Shirts hochgeschoben. Dann spritzte ihm ein Arzt den chinesischen Impfstoff.

Der türkische Präsident Erdogan wird gegen das Coronavirus geimpft. | Bildquelle: AFP
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Der türkische Präsident Erdogan wurde am Donnerstag gegen das Coronavirus geimpft.

Einige Türken sehen chinesisches Vakzin kritisch

Schon einen Tag vor Erdogan - und damit als einer der ersten in der Türkei - hatte sich Gesundheitsminister Fahrettin Koca öffentlich impfen lassen. "Ich möchte unterstreichen, dass jeder unbedingt geimpft werden sollte", sagte Koca. "Denn der wichtigste Weg, um sich vor dieser Krankheit zu schützen, ist die Impfung. Um zu unserem normalen Leben zurückkehren zu können, müssen wir uns unbedingt impfen lassen."

Inzwischen kursieren Spaß-Videos im Netz, in denen Koca nach seiner Impfung plötzlich Chinesisch spricht. Tatsächlich stehen einige Türken dem Impfstoff aus Fernost kritisch gegenüber. "Ich habe kein Vertrauen in die Testergebnisse", sagte etwa die 41-jährige Buchhalterin Fatma aus Istanbul. "Das hat etwas damit zu tun, dass die Regierung mit den Zahlen insgesamt, also den Fallzahlen und so, nicht sehr transparent umgegangen ist. Bis nicht die endgültigen Ergebnisse der Phase-Drei-Tests veröffentlicht werden, will ich mich nicht impfen lassen."

Türkische Regierung hält Impfstoff für sicher

Der chinesische Impfstoff erhielt in der Türkei eine Notfallzulassung. Laut Koca hatten Tests ergeben, dass er ausreichend sicher sei. Eine Testreihe in Brasilien hatte allerdings nur eine Wirksamkeit von gut 50 Prozent ergeben, eine andere knapp 80 Prozent. In Indonesien lag der Wert bei rund 65 Prozent, in der Türkei offiziell bei über 90 Prozent.

Serhat Ünal, Mitglied des Wissenschaftsrates, verwies im türkischen Fernsehen auf die unterschiedliche Probandenzahl in den einzelnen Ländern. So sei die Phase-Drei-Studie in Indonesien nur mit insgesamt 1320 Personen durchgeführt worden. In der Türkei habe man jedoch allein vor den Zwischenergebnissen 7600 Personen geimpft, davon 35 Prozent mit einem Placebo. "Bei kleinen Gruppen kann es zu anderen Ergebnissen kommen", so Ünal.

Ärzte und Pflegekräfte zuerst geimpft

Inzwischen sind mehr als 500.000 Menschen in der Türkei geimpft - bei den meisten von ihnen handelt es sich um Ärzte, Ärztinnen und Pflegekräfte, die zur obersten Prioritätsgruppe zählen. "Die Reihenfolge ist schon richtig, denn die Ärzte und das Krankenhauspersonal riskieren ihre eigene Gesundheit für das Wohl anderer Bürger", meint Buchhalterin Fatma. "Das sind die Kämpfer an vorderster Front. Dass die zuerst drankommen, ist gerecht."

Nach dem Gesundheitspersonal werden Menschen über 65 Jahre an der Reihe sein. Hakan, der auf einem der großen öffentlichen Parkplätze in Istanbul arbeitet und erst 40 Jahre alt ist, steht also im Impfplan weit hinten. Für ihn ist aber schon jetzt klar, dass er sich nicht impfen lassen wird: "Ich habe ständig engen Kontakt zu Leuten, steige in deren Autos. Ich und meine Kollegen glauben, dass wir uns das Virus wahrscheinlich schon lange eingefangen und auch auskuriert haben."

Die Ärztin Özlem Alici wiederum war eine der ersten, die sich hat impfen lassen. Die Istanbulerin ist Spezialistin für Infektionskrankheiten. "Wir haben sehr viele Kranke gesehen und hatten auch sehr ernste Fälle", sagte sie im türkischen Fernsehen. "Ich wollte diese Erfahrung nicht selbst machen." Nun fühle sie sich glücklich und sei froh.

Verhandlungen mit BioNTech und Pfizer

Zur Menge der Impfdosen gibt es unterschiedliche Angaben. Ende Dezember soll die Türkei bis zu drei Millionen aus China erhalten haben. Insgesamt sollen es bis Ende des Jahres rund 50 Millionen Dosen werden - für über 80 Millionen Einwohner.

Angeblich, berichten türkische Medien, verhandele man mit BioNTech und Pfizer über eine Produktion deren Impfstoffs in der Türkei. Die beiden deutschen Impfstoff-Entwickler Özlem Türeci und Uğur Şahin wurden in der Türkei gefeiert.

Erste Türken mit chinesischem Impfstoff geimpft
Karin Senz, ARD Istanbul
15.01.2021 13:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Januar 2021 um 09:10 Uhr.

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