Ein Konvoi der indischen Armee fährt über eine Straße, die von Srinagar nach Ladakh führt | Bildquelle: dpa

Grenzkonflikt mit China "Stich in Indiens Rücken"

Stand: 17.06.2020 15:23 Uhr

Nach dem blutigen Zwischenfall an der Grenze zu China mit 20 Toten ist die Empörung in indischen Medien groß. Die Außenminister beider Seiten bemühen sich um eine Abkühlung der Eskalation.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Es ist das Topthema in allen indischen Zeitungen: "20 mutige Herzen sind in Indien gestorben", titelt die "Mail Today". "China sticht Indien in den Rücken und quält indische Soldaten zu Tode", schreibt der "Pioneer". Die Schuldfrage beantworten die indischen Medien fast einhellig: Chinesische Soldaten hätten indische Truppen angegriffen.

Die indische Armee gab am Dienstagabend ein offizielles Statement über den Vorfall ab. Im Fernsehsender NDTV zitierte der Nachrichtensprecher das Schreiben: "Indische und chinesische Truppen sind ausgerückt in der Region Galwan, wo die Auseinandersetzungen stattgefunden haben. Dort lagen indische Soldaten - schwer verletzt. In der Höhe, bei Minusgraden, sind sie ihren Verletzungen erlegen. Die indische Armee ist verpflichtet, die territoriale Integrität und die Unabhängigkeit unserer Nation zu verteidigen."

Angst vor Eskalation

In den vergangenen Wochen hatte es mehrere Berichte darüber gegeben, dass Soldaten von beiden Seiten aneinandergeraten seien.

Indische Medien hatten immer wieder berichtet, dass chinesische Soldaten in indische Gebiete eingedrungen seien. Die Grenze zwischen Indien und China ist rund 3500 Kilometer lang und an einigen Stellen ist sie umstritten. Auf beiden Seiten stehen Tausende Truppen. Tote hatte es aber seit mehr als vier Jahrzehnten hier nicht mehr gegeben.

Der Verteidigungsexperte DS Dhillon sagt im indischen Fernsehen, dass beide Länder die Situation so schnell wie möglich deeskalieren sollten: "Die indische Regierung muss sofort diplomatische Schritte unternehmen, damit die Lage nicht so eskaliert wie im Jahr 1962, in dem auch mehrere Zwischenfälle dann zu einem Krieg geführt haben."

Einen Monat lang hatten die Soldaten damals gegeneinander gekämpft, es ging um die Grenze im Himalaya. Einige Tausend Menschen sind dabei ums Leben gekommen. Den Krieg gewonnen hatte China.

Opposition fordert Antwort an China

Noch hält sich der indische Premierminister zurück mit Kommentaren zu den aktuellen Auseinandersetzungen. Das ist ungewöhnlich. Indische Journalisten fragen laut, ob die Zwischenfälle an der Grenze zwischen Indien und China eine Art Manöver seien, um von der aktuellen Corona-Krise abzulenken. In Indien steigen die Zahlen der Infizierten seit mehreren Tagen dramatisch an.

Derzeit scheint allerdings niemand ein Interesse daran zu haben, die Situation weiter eskalieren zu lassen. Die indische Armee betont, dass keinerlei Schüsse gefallen seien bei dem Zwischenfall. "Das erscheint schon ziemlich ungewöhnlich, vor allem, da beide Länder so viele Soldaten und Maschinen an der Grenze aufgestellt haben", sagt Smita Prakash, Redakteurin der indischen Nachrichtenagentur ANI.

"Aber in der Tat, normalerweise hat es in den vergangenen Jahren keine Schusswechsel gegeben. Quellen in der indischen Armee allerdings sagen, dass chinesische Soldaten Bambusstöcke mit Nägeln benutzt hätten. Und unbestätigte Quellen sagen, dass Soldaten im Faustkampf von Felswänden hinabgestürzt seien."

Opposition fordert Reaktion

In Indien wächst nun der Druck. Die Opposition fordert, man müsse China eine entsprechende Antwort geben. In den vergangenen Tagen hatten aber sowohl die chinesische als auch die indische Regierung betont, dass sie die Lage an der Grenze entschärfen wollen.

Am Mittwoch deutet sich dann Entspannung an. Die beiden Atommächte versuchten, den Grenzstreit diplomatisch beizulegen, teilte das Außenamt in Peking mit. Indien und China wollten die Kommunikation und Koordination über bestehende Kanäle stärken, um den Frieden in dem umstrittenen Gebiet aufrechtzuerhalten, so Chinas Außenminister Wang Yi.

Schlimmster Kampf seit Jahrzehnten zwischen Indien und China
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
17.06.2020 11:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Juni 2020 um 15:00 Uhr.

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