Ein Arzt in Schutzkleidung misst die Körpertemperatur einer Frau, Chennai/Indien. | Bildquelle: AFP

Corona-Krise in Indien Hausbesuch bei 20 Millionen

Stand: 11.07.2020 13:30 Uhr

Behördenmitarbeiter gehen von Haus zu Haus, fragen nach der Gesundheit: Indiens Hauptstadt Delhi kämpft gegen rapide steigende Infektionszahlen. Auch andernorts kamen Lockerungen wohl verfrüht.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Seit die landesweite Ausgangssperre in Indien Anfang Juni aufgehoben wurde, sind die Corona-Zahlen sprunghaft in die Höhe geschnellt. Täglich werden neue Rekorde bei Neuinfektionen verzeichnet, über 25.000 innerhalb von 24 Stunden wurden allein gestern dokumentiert. Damit ist die Zahl der landesweit registrierten Corona-Fälle auf mehr als 800.000 gestiegen. Indien steht inzwischen weltweit an dritter Stelle, hinter den USA und Brasilien.

Seit Wochen schicken die Behörden in Delhi ihre Mitarbeiter von Haus zu Haus, um den Gesundheitszustand aller rund 20 Millionen Einwohner abzufragen, wie auf Filmmaterial der Nachrichtenagentur AP zu sehen war.

Lockerungen wieder zurückgenommen

Muzafar Sayyed, ein Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde, misst bei jedem die Temperatur. "Wir gehen in jedes Haus, schreiben die Namen aller Bewohner auf und fragen, ob jemand krank ist, Fieber oder andere Symptome hat. Wir empfehlen den Leuten viel zu trinken und Masken zu tragen, wenn sie rausgehen. Bis jetzt haben wir hier ganz gute Ergebnisse. Niemand ist krank."

Weil die Zahlen in Indien vielerorts so drastisch gestiegen sind, wurden die Lockerungen der Ausgangssperre in einigen Bundesstaaten schon wieder zurückgenommen. So gilt unter anderem in Puna, im Bundesstaat Maharashtra, für zwei Wochen wieder ein vollständiger Lockdown. Und für das Wochenende auch in Uttar Pradesh, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat, östlich von Delhi.

Während landesweit Geschäfte und Einkaufszentren wieder geöffnet haben, bleiben Schulen und Universitäten weitgehend geschlossen. Der seit Ende März praktizierte Online-Unterricht soll vorerst fortgesetzt werden.

Unterricht unter einer Brücke

Unter einer Brücke in Delhi findet regulärer Unterricht statt. Auf provisorischen Bänken sitzen ein Dutzend Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse im Freien. Vorne an der Tafel steht Satyander Pal Shakya, ein College-Student, der die Mädchen und Jungen aus dem benachbarten Slumviertel unterrichtet. Denn in ihrem Wohngebiet gibt es keinen Strom und folglich kein Internet.

Am Online-Unterricht ihrer Schule können die Jugendlichen gar nicht teilnehmen, sagt er. "Die haben nicht mal fließendes Wasser zuhause, von Strom und Internet ganz zu schweigen. Die haben ja gar kein richtiges Dach über dem Kopf. Manche haben nicht mal ein Mobiltelefon, wie sollen sie da dem Unterricht folgen? Sie würden völlig zurückfallen in ihrer Ausbildung."

Corona trifft die Ärmsten besonders

Die Schule unter der Brücke ist seit Jahren eine Institution in Delhi. Gegründet wurde sie von Rajesh Kumar Sharma, der selbst gar kein Lehrer war, sondern nur einen einfachen Schulabschluss hatte. Die freie Schule gibt den Straßenkindern, die in den Slums rund um das Viertel Shakapur im Osten Neu-Delhis leben, die Chance auf einen Schulabschluss.

Die Eltern der Kinder sind zumeist Tagelöhner, die für Hungerlöhne auf den Baustellen Delhis schuften. Die meisten sind Analphabeten, die ihre Heimatdörfer auf dem Land verlassen haben, um sich in der indischen Hauptstadt mit ihren Familien ein besseres Leben aufzubauen. Corona hat vor allem den Ärmsten der Armen die Lebensperspektive zerstört.

Indien - ohne Strom kein Online-Unterricht
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
10.07.2020 21:37 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 11. Juli 2020 um 14:07 Uhr auf B5 aktuell.

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