Die Quarantänestation eines provisorischen Krankenhauses in Neu-Delhi | Bildquelle: dpa

Antikörper-Studie in Neu-Delhi Doch viel mehr Corona-Fälle in Indien?

Stand: 23.07.2020 10:16 Uhr

Indien verzeichnet mit mehr als 45.000 neuen Corona-Fällen einen Tagesrekord. Doch die Dunkelziffer könnte höher sein. Denn laut einer Studie hat sich allein in Neu-Delhi inzwischen jeder Vierte infiziert.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Das nationale Zentrum für Seuchenkontrolle in Indien hat zwei Wochen lang mehr als 21.000 Menschen in Neu-Delhi auf Antikörper getestet und nun die Ergebnisse vorgelegt: Bei 23,48 Prozent der getesteten Menschen seien Antikörper gefunden worden. Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Studie hätten zudem keine Symptome gehabt. Es ist die erste groß angelegte Studie zu Antikörpern in Indien. Neu-Delhi ist eine der Städte im Land, die am stärksten vom Corona-Virus betroffen sind.

Ende Juni sind Untersuchungsteams in elf Bezirke der Stadt losgezogen und haben bei Einwohnerinnen und Einwohnern Blut abgenommen - per zufälliger Auswahl. Die Blutproben wurden in Laboren auf das Immunglobulin G getestet, welches erst nach etwa drei Wochen nachweisbar ist. Mit diesen so genannten ELISA-Tests stellen die Forscher fest, dass fast jede vierte getestete Person Antikörper im Blut hatte. Weitere Details über das Testverfahren hat die Regierung aber noch nicht veröffentlicht.

"So lange wir noch nicht alle technischen Details kennen, kann ich wenig darüber sagen, wie aussagekräftig die Untersuchung ist", sagt der Mikrobiologe Chand Wattal, Leiter einer privaten Klinik in Neu-Delhi. Prinzipiell habe er aber keine Zweifel an den Ergebnissen.

Dunkelziffer möglicherweise enorm hoch

Sollten die Ergebnisse der Studie wirklich aussagekräftig sein, wäre die Dunkelziffer der Corona-Erkrankungen in der Hauptstadt von Indien enorm hoch. Laut offiziellen Zahlen, die mit Coronatests erhoben wurden, die eine aktive Erkrankung nachweisen, haben sich nämlich erst mehr als 120.000 Menschen in Neu-Delhi angesteckt. Rechnet man aber die Ergebnisse der Antikörper-Studie hoch, hätten sich schon rund fünf Millionen Menschen mit Covid-19 angesteckt. Viele der getesteten Personen, die Antikörper aufweisen, hätten keine Symptome gehabt.

Zeitgleich zu den Antikörpertests haben die Behörden in der indischen Hauptstadt auch die Anzahl der Coronatests erhöht. Vor allem in dicht besiedelten Vierteln gehen Helferinnen und Helfer von Tür zu Tür und messen sowohl die Temperatur als auch den Sauerstoffgehalt im Blut der Anwohnerinnen und Anwohner. Völlig vermummt klären sie die Menschen darüber auf, dass sie Abstand halten, Masken tragen und zum Corona-Test gehen sollten.

Zum Test bei 35 Grad im Schatten

Diese Tests führen Ärztinnen und Ärzte derzeit in sämtlichen medizinischen Zentren in den Stadtvierteln von Neu-Delhi kostenlos durch - so auch in der Sonnenlicht-Kolonie, im Süden der Stadt. Bei 35 Grad Celsius im Schatten und hoher Luftfeuchtigkeit stehen die Menschen hier in großem Abstand geduldig an, bis sie dran sind.

Ein Kind wird an einer mobilen Corona-Station in Neu-Delhi auf das Virus getestet. | Bildquelle: SANJEEV GUPTA/EPA-EFE/Shuttersto
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Eine mobile Teststation in Neu-Delhi. Viele Menschen sind besorgt und lassen sich testen.

Sima Kumar ist mit ihrem Sohn hierhergekommen. Nur der Schweiß auf ihrer Stirn glänzt in der Sonne, der Rest ihres Gesichts ist von einer Maske bedeckt: "Wir wollen alle den Test machen, meine Mutter, mein Söhne, meine Tochter, mein Mann", sagt sie. Es gehe doch um ihre Sicherheit. Die Kinder spielten draußen mit anderen und sie selbst gehe auf dem Markt einkaufen. Man wisse ja nie, wo und bei wem man sich vielleicht angesteckt haben könnte.

Sima Kumar sagt, sie sei fit, habe keinerlei Symptome. Ein paar Meter weiter schwitzt Kishur Lama. Er leitet ein Restaurant einer Fastfood-Kette, die seit kurzem wieder geöffnet hat, derzeit noch vom Homeoffice aus. Er ist beunruhigt und zeigt die indische Corona-App auf seinem Handy: "Schau, ich hatte Kontakt mit einer Person, die Covid-19 hat."

Behörden werten ihre Strategie als Erfolg

In dem medizinischen Zentrum werden Sima Kumar und Kishur Lama mit einem Schnelltest auf eine mögliche Corona-Erkrankung getestet. Obwohl die Tests in den vergangenen Wochen verdreifacht wurden, gehen die Zahlen der Corona-Positiv-Getesteten gerade zurück. Die Behörden verzeichnen das als Erfolg ihrer Strategie: aktiv auf die Menschen zuzugehen, Menschen mit Covid-19 zu isolieren und sie von Anfang an der Erkrankung zu begleiten.

Mit diesen Corona-Schnelltests allerdings ist Doktor Wattal nicht einverstanden. Selbst die Regierung musste zugeben, dass bei diesem Verfahren rund 15 Prozent der Menschen, die negativ getestet werden, möglicherweise doch positiv sind. "Die Regierung akzeptiert damit, dass die Pandemie lange Zeit weiter schwelen wird in Delhi", so Wattal. "Es ist ein schlechtes Testverfahren, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen."

Angesichts der Gesamtzahl der Bevölkerung seien 15 Prozent sehr viele Menschen. Und diese liefen dann weiter durch die Stadt, ohne zu wissen, dass sie positiv seien. Dennoch, laut offizieller Statistik, sind in den vergangenen Tagen in der Hauptstadt Neu-Delhi auch weniger Menschen an Corona verstorben.

Fast jeder Vierte mit Corona infiziert? Antikörper-Studie in Indiens Hauptstadt
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
23.07.2020 08:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. Juli 2020 um 09:10 Uhr.

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