Einer Frau wird in einem Krankenhaus in Jammu ein Nasenabstrich genommen. | Bildquelle: dpa

"Sputnik V" Indien testet russischen Impfstoff

Stand: 17.09.2020 12:37 Uhr

Der russische Impfstoff "Sputnik V" ist international höchst umstritten - jetzt aber könnte er in Indien per Notfallzulassung angewendet werden. Doch Immunologen und Experten sind skeptisch.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Angesichts rasant steigender Corona-Infektionsfälle soll in Indien jetzt der umstrittene russische Impfstoff "Sputnik V" ausprobiert werden. Die indische Pharma-Firma Dr. Reddy's aus Hyderabad und der russische Staatsfonds haben eine entsprechende Zusammenarbeit vereinbart.

"Dritte Testphase" in Indien

Danach soll der Impfstoff, dessen schnelle Zulassung in Russland international Kritik ausgelöst hatte, jetzt in Indien in die sogenannte dritte Testphase gehen. Sobald die indischen Behörden dem Impfstoff "Sputnik V" die Freigabe erteilen, könnten 100 Millionen Impfdosen ausgeliefert werden, teilte das Unternehmen mit.

Das noch nicht ausreichend getestete Medikament könnte mit Hilfe einer sogenannten Notfallzulassung angewendet werden, sagte Satyajit Rath vom Nationalen Institut für Immunologie in Pune. Doch eigentlich seien sogar dafür die Voraussetzungen nicht gegeben.

Eine solche Notfallzulassung werde erteilt, wenn noch nicht ganz sicher sei, ob ein Medikament wirksam und ungefährlich ist, es aber dringend benötigt werde.

Bislang sei noch für keinen Covid-19-Impfstoff eine solche Notfallzulassung erteilt worden. "Der russische Impfstoff 'Sputnik V' kann ohnehin erst ab Anfang 2021 in großem Stil ausgegeben werden. Das heißt, von einer Notfallzulassung kann hier keine Rede sein", sagte Rath. "Man könnte ihn an besonders gefährdete Personen ausgeben, aber ich hätte da meine Bedenken."

Währenddessen steigen die Corona-Infektionszahlen in Indien weiter rasant an. Inzwischen gibt es mehr als fünf Millionen bestätigte Infektionen. Täglich werden fast 100.000 neue Fälle registriert.

Der Mediziner S.P. Byotra vom Gangaram Hospital in Delhi führt dies auf die gestiegene Zahl von Tests zurück. Innerhalb von 24 Stunden seien mehr als 1,1 Millionen Corona-Tests im ganzen Land durchgeführt worden, allein in Delhi 26.000. "Dadurch haben wir allein in der Hauptstadt 4500 positive Fälle registriert, in ganz Indien über 90.000", sagte Byotra. "Das liegt daran, dass wir inzwischen auch Personen ohne Symptome auf Corona testen."

Angst im Bundesstaat Maharashtra

Der indische Bundesstaat Maharashtra ist am stärksten betroffen. Bei den Bewohnern der Hauptstadt Pune ist die Sorge groß. "Hier ist Alarmstimmung. Man kann das Haus nicht mehr verlassen, ohne Angst zu haben", sagte Ganesh Jadav der Nachrichtenagentur Reuters. Die Regierung sei offenbar nicht in der Lage, die Ausbreitung zu stoppen. Fünf Millionen Corona-Fälle im Land zeigten, wie gefährlich die Lage sei.

Die indische Regierung verweist auf die Erfolge der Corona-Bekämpfung. Auch wenn die absoluten Zahlen stiegen, gehöre Indien bei den Corona-Fällen pro eine Million Einwohner zu den Ländern mit dem niedrigsten Quotienten. "Wir haben 3500 Fälle pro eine Million Einwohner, in anderen Ländern liegt diese Zahl bei 5000 bis über 20.000", sagte Rajesh Bhushan, Staatssekretär im Gesundheitsministerium in Delhi. Auch bei den Todesfällen schneide sein Land sehr gut ab.

Inder arbeiten selbst an Impfstoff-Entwicklung

Ungeachtet der angekündigten Testphase des russischen Corona-Impfstoffs arbeiten auch mehrere indische Pharma-Unternehmen an der Entwicklung eines Impfstoffs. Der Chef des Serum Institute of India, Adar Poonawalla, sagte in einem Zeitungsinterview, ein Impfstoff für alle werde aber frühestens Ende 2024 zur Verfügung stehen.

Indien will russischen Impfstoff testen
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
17.09.2020 11:27 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. September 2020 um 10:23 Uhr.

Darstellung: