Ein Hindu in Mumbai trägt bei einem Tempelbesuch eine Schutzmaske gegen das Coronavirus. | Bildquelle: AP

Corona-Pandemie in Indien Mit Gebeten gegen das Virus

Stand: 15.08.2020 03:08 Uhr

Indien meldet mittlerweile täglich Zehntausende neue Corona-Fälle. Vielerorts gibt es kaum ärztliche Versorgung. Doch die Regierung sieht sich gewappnet und setzt auf eine ganz spezielle "Heilung".

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu Delhi

Jeden Tag sei er in seinem kleinen Tempel und bete das Coronavirus an. Das erzählt Anilan im indischen Fernsehen - und sitzt mit seiner goldenen Gebetsklingel vor einem Ball aus Styropor mit roten Noppen, der das Virus darstellen soll.

Er bete vor allem für die Corona-Kämpfer an der Front, sagt Anilan, für die Ärzte und das Pflegepersonal. Die kommen jetzt auch in den Dörfern an ihre Grenzen. Die Nachrichtenagentur Reuters zeigt Videoaufnahmen von einem Gesundheitszentrum in Bihar, einem der ärmsten Bundesstaaten in Indien. Zersprungene Fliesen, Müll auf dem Boden, zerfetzte Vorhänge.

Das Hochwasser jetzt in der Regenzeit reicht bis an die Außenwände des sogenannten Gesundheitszentrums heran. "Eigentlich sollten hier vier Ärzte stationiert sein", sagt Dr. Roshan. "Aber wir waren nur zu dritt. Einer von uns wurde nun an einem anderen Ort eingesetzt, der andere ist positiv getestet - und so bin ich nun der einzige Arzt vor Ort."

Geringe Investitionen in den Gesundheitssektor

Rund 17.000 Ärzte und Pflegekräfte hätten sich schon mit dem Virus angesteckt, so der indische Ärzteverband. Mehr als 200 seien an den Folgen gestorben.

Indien investiert nur etwa zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in das Gesundheitssystem. Weltweit gesehen liegt das Land damit ziemlich weit unten in der Rangliste. Inderinnen und Inder sind es gewohnt, mit der ganzen Familie am Krankenbett zu stehen, sie müssen die Medikamente für die Patienten meist selbst besorgen oder auch Essen für sie zubereiten.

In Zeiten von Corona ist das aber verboten, was schon zu vielen heftigen Auseinandersetzungen geführt habe, sagt Dr. Gaurav, der eine Klinik in Bihar leitet: "Sie werden extrem wütend. Wir haben nun sogar schon Sicherheitskräfte hier im Einsatz, aber die Familien geben nicht nach. Sie dringen sogar auf die Intensivstationen ein."

"Hier kommt kaum ein Arzt vorbei"

Als in den Städten die Krankenhäuser schnell an ihre Grenzen gekommen sind, haben die Behörden in kurzer Zeit große Quarantänestationen in Stadien, Zugabteilen und Hochzeitssälen eingerichtet.

Auf dem Land sind Patienten wie Rajesh Kumar aber verzweifelt. Sein Vater sei positiv getestet worden, sagt er im Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters: "Ich kann ihn doch nicht alleine lassen. Hier kommt ja kaum ein Arzt vorbei. Und wenn, dann schauen sie kurz rein und sind schon wieder weg."

Regierung verweist auf niedrige Sterberate

Trotzdem gibt es nur wenig Vorwürfe an die Politik. Die indische Regierung spricht selbst davon, die Pandemie gut im Griff zu haben. Vor allem verweist sie gerne auf die geringe Sterberate im Land. Allerdings erfahren die Menschen in aller Regel selten, woran ihre Verwandten gestorben sind. Statistisch gesehen werden vier von fünf Todesfällen in Indien nicht untersucht.

Das kommt dem indischen Premierminister Narendra Modi wohl ganz gelegen. Er verweist auf eher unwissenschaftliche Fakten in der Corona-Krise: "Covid-19 zeigt uns, dass wir global gesehen einen ungesunden Lebensstil führen. Die Menschheit braucht eine Heilung, also lasst uns alles daransetzen, dass wir Glück und Harmonie auf unserem Planeten erlangen."

Also doch einfach beten? Die Infektionszahlen in Indien steigen massiv an, vor allem in den vergangenen Wochen. Fachleute gehen davon aus, dass der Höhepunkt der Pandemie längst noch nicht erreicht ist.

Indien: Brennpunkt der Corona-Pandemie
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
15.08.2020 00:03 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die ARD am 09. August 2020 um 19:20 Uhr im "Weltspiegel".

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