Anwohnerinnen gehen in Srinagar an indischen Soldaten vorbei | Bildquelle: AFP

Indien und Pakistan Lieber Krieg als Dauerkonflikt?

Stand: 01.03.2019 11:40 Uhr

Die Bewohner von Kaschmir leiden seit Langem unter dem schwelenden Konflikt zwischen Indien und Pakistan. Einige wären mittlerweile sogar bereit, es auf einen Krieg ankommen zu lassen.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Keiner will hier weg, auch wenn es zu einem Krieg zwischen Indien und Pakistan kommen sollte. Das Dorf Jerda liegt im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir, nur wenige hundert Meter von der pakistanischen Grenze entfernt. Weltpolitik interessiert hier kaum jemanden. Auch wenn gerade zwei Atommächte heftig mit den Muskeln zucken: Die Bauern und Familien in Jerda wollen einfach nur, dass die ständigen Gefechte, die seit Jahrzehnten immer wieder aufflammen, endlich ein Ende nehmen.

Hügelige Felder mit knallgelben Senfblumen. Die Grenze zwischen Pakistan und Indien sieht auf den ersten Blick idyllisch aus. Aber unter den grasbewachsenen Hügeln liegen Bunker, in der Ferne stehen Zäune mit Stacheldraht. Am Mittag schallen die Laute des Muezzins herüber auf die indische Seite. Sie kommen aus Pakistan. Indiens Erzfeind ruft zum Mittagsgebet.

Armee in Alarmbereitschaft

Das sei einer der gefährlichsten Posten in Indien, sagt ein junger Grenzbeamter. Offiziell darf er kein Interview geben. Leiser erzählt der Soldat, dass er und seine Kollegen sich seit Tagen versteckt halten. Den pakistanischen Feind würden sie nur über Spiegel beobachten. Hier, im südlichen Teil des Bundesstaates Jammu und Kaschmir, seien sie direkt von Pakistan umzingelt. Seit zwei Wochen gelte die höchste Alarmbereitschaft.

In den grenznahen Dörfern fahren die Soldaten nur in gepanzerten Fahrzeugen. Gleich dahinter folgen die Dorfjungs auf ihrem Mofa, sie tragen nicht einmal einen Helm. Mohan Singh Bhatti schaut den jungen Männern gedankenverloren hinterher. Er steht in seiner Toreinfahrt, trägt einen blauen Turban und eine Sonnenbrille. "Krieg ist immer schlecht. Der bringt doch nur noch mehr Probleme", sagt der 65-Jährige. "Für jeden Menschen, egal ob Inder oder Pakistaner, ist Krieg sehr gefährlich."

"Ständiger Kleinkrieg" an der Grenze

Bhatti weiß, wovon er spricht. Er ist im Grenzdorf Jerda groß geworden und hat schon drei große Kriege zwischen Indien und Pakistan miterlebt. Seit vielen Jahren schlagen um ihn herum Granaten ein. Eine hat seinen Neffen das Leben gekostet. Dieser ständige Kleinkrieg sei das wahre Übel, sagt Bhatti. Das "große Getöse" derzeit - so bezeichnet er die Gefechte in der Luft zwischen den beiden Ländern - würde zwar weltweit Aufmerksamkeit erregen. Aber Bhatti glaubt nicht daran, dass er nun seinen vierten Krieg hier miterleben muss: "Das ist doch nur Wahlkampftaktik. Wenn diese Attacken vorbei sind, sollte auch unser Premier nicht mehr auf Vergeltung aus sein. Das muss jetzt aufhören. Für seine Wiederwahl sollte das jetzt ausreichen."

In wenigen Wochen finden in Indien Parlamentswahlen statt. Der amtierende Premierminister Narendra Modi kandidiert erneut. Dass er ausgerechnet kurz davor eine harte Hand gegenüber dem Erzfeind Pakistan erhebt, kommt bei vielen gut an. "Nicht bei mir", so Bhatti. Darauf falle er nicht herein.

Narendra Modi | Bildquelle: REUTERS
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Indiens Premierminister Modi ist im Wahlkampfmodus.

Ansprüche auf Kaschmir

So wie er tragen viele Männer in seinem Dorf einen Turban. Sie gehören zur Religionsgemeinschaft der Sikhs. Hier im Süden des Bundesstaates Jammu und Kaschmir leben überwiegend Sikhs und Hindus - im Gegensatz zum Norden, in dem vor allem Muslime leben. Sowohl Indien als auch Pakistan beanspruchen jeweils den gesamten Bundesstaat für sich. Pakistan regiert heute in rund einem Drittel, Indien in rund zwei Drittel.

An den Grenzen leiden die Menschen unter der ständigen Feindschaft. Überall in seinem Dorf zeigt uns Bhatti Einschusslöcher in den Wänden oder Löcher von Granaten in den Mauern. Im Hof seiner Nachbarin Harbhan Kaur wird gerade ein Bunker gebaut. Bezahlt wird der von der Regierung Modi. Sie ist für einen Krieg gegen Pakistan, ob er jetzt oder später, ausbricht, sei ihr egal. "Modi ist stark und er hat das Zeug dazu", meint sie. "Wir sind es leid. Ständig geraten wir hier unter Beschuss, lasst uns das ein für allemal mit einem Krieg beenden. Wir können hier doch nicht für immer in ständiger Angst leben." Seine Stärke habe der Premierminister ja gerade bewiesen.

Terrorbekämpfung oder Wahlkampftaktik?

Vor wenigen Tagen drang die indische Luftwaffe in Pakistan ein und warf dort Bomben ab - angeblich auf ein Hauptquartier von Terroristen, die in Indien Attentate geplant hätten. Dabei seien zahlreiche Terroristen ums Leben gekommen, zitieren die indischen Medien vermeintliche Quellen aus dem Verteidigungsministerium. Beweise dafür gibt es bislang nicht. Danach fragt aber auch niemand hier im Grenzgebiet. Kaurs Tochter besucht die zehnte Klasse und auch sie erzählt, sie habe ständig nur Angst. Damit die aufhöre, gäbe es nur eins: "Krieg", sagt die 15-Jährige überzeugt. Schlimmer als diesem ständigen Terror ausgesetzt zu sein, könne es nicht werden.

Bunker und Atomwaffen

Wenige Kilometer weiter, an der nationalen Grenze von Pakistan und Indien, liegt das Dorf Nanga. Dutzende Männer schleppen Steine und mischen Beton, auch sie bauen hier Bunker. Bis der von Bauer Ramesh fertig ist, schläft er fast jede Nacht mit seiner Familie bei Verwandten, weiter im Landesinneren: "So zwischen sechs und sieben Uhr machen wir uns hier auf. Viele Leute aus dem Dorf machen das", erzählt Ramseh, "vor allem wegen der Kinder. Morgens kommen wir dann zurück und schauen, ob unser Haus noch steht und das Vieh noch lebt."

Das sei zermürbend. Auch Ramesh ist der Meinung, nur ein Sieg gegen Pakistan wie vor über vierzig Jahren könne das ändern. Doch im Gegensatz zu den vorherigen Kriegen besitzen sowohl Pakistan als auch Indien nun Atomwaffen.  Dass die - egal ob Sieg oder Niederlage - hier alles zerstören könnten, darüber möchte keiner recht nachdenken.

An der Grenze zwischen Indien und Pakistan in Jammu
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
01.03.2019 10:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. März 2019 um 05:36 Uhr.

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