Der indische Henker Pawan Kumar.

Vor Hinrichtungen in Indien Interview mit einem Henker

Stand: 17.01.2020 03:35 Uhr

Für Pawan Kumar ist der Job des Henkers Familientradition. "Du darfst nicht emotional werden", hatte ihn schon sein Großvater gelehrt. Nun soll Kumar vier Männer hinrichten, die 2012 die Welt in Schock versetzten.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Südasien

Der Henker ist ein kleiner Mann mit kräftiger Statur. Er grüßt freundlich. "Ich heiße Pawan Kumar", sagt er. "Die Leute nennen mich Jallad. Ich bin sogar inzwischen unter dem Namen Pawan Jallad bekannt." "Jallad" - das heißt "Henker" auf Hindi.

Die Bezeichnung habe etwas Abwertendes, trotzdem trage er den Namen mit Stolz. Sein Vater sei Henker gewesen - und sein Großvater auch. Es sei eine Familientradition, sagte er: "Ich bin verpflichtet, sie fortzusetzen."

Pawan Jallad soll vier Männer hinrichten. Sie hatten im Jahr 2012 in Delhi eine junge Medizinstudentin in einem Bus vergewaltigt und auf furchtbarste Weise verletzt, so dass sie wenig später starb. Ein Fall, der weltweit Schlagzeilen machte.

Vor sieben Jahren wurden sie zum Tode verurteilt. Die letzten Gnadengesuche werden die Hinrichtung vielleicht noch Tage, vielleicht auch wenige Wochen aufschieben. Dann soll Pawan, der Henker, seine Arbeit tun. Um Gerechtigkeit zu schaffen, sagt er. Schließlich hätten die Verurteilten ein grausames Verbrechen begangen.

"Du darfst nicht emotional werden"

"Meine Landsleute, 1,3 Milliarden Menschen, werden Erleichterung verspüren nach der Hinrichtung. Und die Eltern des ermordeten Mädchens werden auch sehr froh darüber sein." Es sei eine so furchtbare Tat gewesen: "Ich bin selbst Vater von Töchtern, ich fühle, wie schlimm das ist. Und deshalb will ich eine strenge Bestrafung."

Es wird seine erste eigene Hinrichtung sein. Doch habe er fünf Mal als junger Mann seinem Großvater assistiert, sagt der 52-Jährige. Der habe Viele an den Galgen gebracht, auch 1989 die beiden Mörder von Indiens Premierministerin Indira Gandhi. "Mein Großvater hat mich gelehrt: Du musst mental stark sein. Du darfst nicht nervös werden, keine Angst haben vor der Hinrichtung. Du darfst nicht emotional werden."

Kaum noch Henker in Indien

Mit seinen kräftigen Händen zeigt Pawan, wie er die Verurteilten fesseln wird: "Du musst die Füße so zusammenbinden, und die Hände so." Für seine Arbeit müsse er nicht kräftig sein: "Es ist eine Kunst, eine Schlinge zu knüpfen. Kein leichter Job, Du trägst eine große Verantwortung. Du musst sichergehen, dass die Schlinge sich nicht öffnet, dass das Seil nicht aufgeht."

In einem Gefängnis in Indiens Hauptstadt sollen die Vier gehängt werden. Pawan war der Einzige, den sie dafür gefunden haben. Ein anderer Henker hat sich krank gemeldet, viele gibt es ohnehin mehr nicht in Indien.

5 Hinrichtungen in den vergangenen 25 Jahren

Hinrichtungen sind selten; in den vergangenen 25 Jahren gab es fünf. In vielen Ländern ist die Todesstrafe längst abgeschafft, auch in Indien gibt es Menschen, die dagegen sind. Warum also, frage ich Pawan, gibt es noch die Todesstrafe? "Es gibt weniger Verbrechen, wenn Verurteilte gehängt werden", sagt zumindest der Henker. Das sei abschreckend.

Wenn er die Urteile gegen die vier Mörder vollstreckt hat, wird Pawan Jallad, der Henker, wieder zu Pawan Kumar, dem Händler, der mit seinem Fahrrad zum Markt fährt und dort Stoffe verkauft. Denn auf dem Markt, da sage er nicht, welchen Beruf er eigentlich habe. Das sei schlecht fürs Geschäft.

Interview mit einem Henker
Peter Hornung, ARD Neu-Delhi
17.01.2020 06:27 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 17. Januar 2020 um 11:24 Uhr.

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