USA-feindliches Wandbild in Teheran | Bildquelle: dpa

Image im Iran Wie das Feindbild USA kultiviert wird

Stand: 13.08.2019 11:51 Uhr

Auf der Straße, in der Schule: Viele Iraner sehen die USA kritisch. Konservative wollen den Hass verstärken, doch im Vergleich zu früher haben sie es schwer. Der Nachwuchs bildet sich ein eigenes Urteil.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Die Iraner trinken Coca-Cola, packen Heinz Ketchup auf ihr Steak und telefonieren mit iPhones. Eigentlich sind das alles "Produkte des Satans". Als solcher werden die USA seit Jahrzehnten bezeichnet.

Schon die Kinder in der Schule lernen das. Das sei auch richtig so, sagt der konservative Teheraner Bildungspolitiker Jabbar Kouchakinejad: "Es wird immer Parolen wie 'Tod den Arroganten', 'Tod dem Satan' geben", sagt er. "Wenn ein anderes Land den Platz der USA einnimmt und die eigenen Leute und die Menschen in der ganzen Welt unterdrücken will, dann werden sich die Parolen gegen sie wenden. Vielleicht wird es irgendwann 'Tod für Israel' oder 'Tod für England' heißen."

Frau läuft in Teheran vor einer Wand mit einem gegen die USA gerichteten Bild vorbei | Bildquelle: AFP
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Eine Frau läuft in Teheran an einer Wand mit einem gegen die USA gerichteten Bild vorbei.

Fußballer statt Märtyrer

Kouchakinejad steht auf dem Gang im Parlamentsgebäude zusammen mit Mohammad Javad Abtahi. Auch er ist konservativer Abgeordneter. Beide tragen Hemd und Anzug. Abtahis Ansicht nach wurden bei der Bildungsreform zwischen 1997 und 2005 Fehler gemacht:

"Leider ist das Bildungsministerium in der Zeit der Reformen auf einen anti-religiösen Ansatz umgeschwenkt. Heutzutage wissen die Kinder die Namen der Fußballspieler von Real Madrid und ihrer Frauen. Aber die Namen der iranischen Märtyrer kennen sie nicht mehr."

Indoktrination in der Schule

Ein US-Wissenschaftler hat für ein internationales Institut mit Sitz in Jerusalem iranische Schulbücher untersucht, die überwiegend zwischen den Jahren 2000 bis 2004 erschienen sind. Demnach wurden die USA darin immer wieder als "Unterdrücker" oder "die Arroganten" bezeichnet. Ihr Ziel sei es, "den Besitz der schwachen Nationen zu plündern und sie zu versklaven".

In einem Schulbuch für die 11. Klasse fand der Wissenschaftler den Aufruf, dass sich die Muslime entschließen sollten, die Zähne des amerikanischen Mundes zu zerschlagen. Lehrern werde in einem Handbuch erklärt, die Herzen der Schüler sollten vom Hass gegenüber den Arroganten erfüllt sein. Heute gehe es an den Schulen deutlich gemäßigter zu, sagt Abtahi:

"Das Bildungsministerium macht Druck auf die Schulleiter. Sie sollen keine amerikanischen oder israelischen Flaggen mehr auf den Boden legen, damit Schüler nicht mehr drüber trampeln auf dem Weg ins Klassenzimmer. Was soll das? Was ist das für ein Zeichen?"

Ein Demonstrant in Teheran ballt die Faust hinter einer ramponierten US-Flagge. | Bildquelle: dpa
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Ein Demonstrant in Teheran ballt bei einer Demonstration im Mai 2018 die Faust hinter einer ramponierten US-Flagge.

Die Konservativen haben es zunehmend schwer

Ein junger Iraner erzählt, dass es solche Aktionen durchaus immer noch gibt. An speziellen Feiertagen wie dem Jahrestag der Revolution oder der Besetzung der US-Botschaft würden auch mal Schüler aus den Klassenzimmern in den Schulhof oder zu Paraden geholt, um US-feindliche Parolen zu rufen. Die zehnjährige Sara hat so etwas auch schon beobachtet. "Am Jahrestag der Revolution haben sie 'Tod den USA' gerufen."

Sara hat gerade Unterricht in einer Teheraner Musikschule zusammen mit anderen Kindern. Alle sind zwischen sieben und zehn Jahre alt. Ihre Familien gehören zur reicheren Schicht des Landes.

Die Konservativen tun sich nicht nur wegen der Reformen immer schwerer, das Bild der USA als Satan aufrecht zu erhalten. Durch das Internet und Verwandte im Ausland lernen schon die ganz Kleinen was anderes kennen. Die Oma von Saras Freundin Maryam zum Beispiel reist einmal im Jahr in die USA, erzählt das Mädchen:

"Immer wenn sie zurückkommt, zeigt sie mir Fotos. Es ist so schön und sauber da. Sie sprechen eine andere Sprache. Hier tragen alle Kopftuch. Da drüben ist das überhaupt nicht wichtig. Außerdem ist es grüner und schöner als hier, und das Wetter ist besser."

"Er will Krieg zwischen dem Iran und den USA"

Die Kinder unterscheiden allerdings sehr klar zwischen den USA und ihrem Präsidenten Donald Trump. Zum ihm fällt fast allen in der Musikschule etwas ein. Böse sei er, berichtet ein Mädchen. "Ich habe nicht viel über ihn gehört, aber ich weiß, er ist der Präsident und er läßt uns nicht einreisen." Ein anderes Kind sagt: "Ich weiß, dass Trump ein schlechter Mensch ist und dass er Krieg zwischen dem Iran und den USA will."

Die kleine Sara, die sonst kaum stillsitzen kann, wird nachdenklich. "Die meisten Leute, die ich kenne, haben den Iran verlassen für eine Zukunft in den USA", sagt sie. Ihrer Meinung nach haben die USA eine Zukunft. Die Zukunft von Sara und ihren Klassenkameradinnen ist in diesen Tagen im Iran unsicherer den je.

Der Satan USA? Wie dieses Bild im Iran geprägt wird
Karin Senz, ARD Istanbul
13.08.2019 11:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. August 2019 gegen 12:50 Uhr.

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