Ulratorthodoxer Jude in Israel | Bildquelle: AFP

Israels Ultraorthodoxe "Erzwungene Gebetspause"

Stand: 30.03.2020 05:00 Uhr

In den streng religiösen Gemeinden Israels breitet sich das Coronavirus deutlich schneller aus als im Rest des Landes. Die Behörden dringen mit den Warnungen vor den Auswirkungen kaum durch.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

"Nazi, Nazi" wird den Polizisten in Kampfmontur entgegen gerufen als sie versuchen ein Geschäft zu schließen, das im Zuge der israelischen Anti-Corona-Maßnahmen eigentlich schon lange zu sein sollte. Schauplatz der Polizeiaktion: der von streng-religiösen Juden bewohnte Stadtteil Mea Shearim in Jerusalem.

Vor allem in den ultraorthodoxen Ortschaften und Vierteln haben die Behörden große Schwierigkeiten die staatlichen Vorgaben, mit denen die Pandemie bekämpft werden soll, durchzusetzen. Viele jüdische Religionsschulen, die Yeshiven, blieben noch tagelang geöffnet, nachdem der Staat bereits die Schließung aller Schulen angeordnet hatte.

Temperaturcheck bei Ultraorthodoxem in Israel. | Bildquelle: ABIR SULTAN/EPA-EFE/Shutterstock
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Temperaturcheck bei Ultraorthodoxem in Israel.

Nun sind die Yeshiven geschlossen, aber die Polizei stellt in Privatwohnungen Verstöße gegen das Unterrichtsverbot fest.  Und obwohl große Menschenansammlungen untersagt sind, lösten Polizisten erst vor wenigen Tagen eine streng-religiöse Hochzeit mit rund 150 Teilnehmern auf und zum Begräbnis eines Rabbiners kamen noch an diesem Wochenende nach Polizeiangaben mehr als 300 streng-religiöse Juden trotz aller Ausgangsbeschränkungen. 

Starke Ausbreitung

Ein Aufseher in einer der wichtigsten Synagogen im Tel Aviver Vorort Bnei Brak musste das Gotteshaus zusperren. "Weil sich die Leute nicht an die Obergrenze von 10 Personen pro Gottesdienst halten und die Polizei heute schon drei Mal hier war, bin ich leider gezwungen, die Synagoge abzuschließen", sagt er. "Ich mache das mit großem Bedauern. Die Synagoge schließt an keinem der 365 Tage im Jahr."

Einer der wichtigsten Rabbiner des Landes, David Lau, rief die Gläubigen dazu auf, sich an die staatlichen Vorgaben zu halten: "Normalerweise muss an einem Ort gebetet werden, der umzäunt ist. Aber wir befinden uns zurzeit nicht in normalen sondern in Krisenzeiten. Und da werden die Regeln geändert. Es wäre besser im Freien zu beten, neben einer Synagoge und drinnen können immer noch zehn Leute sitzen." 

Unter Israels streng-religiösen Juden hat sich die Pandemie der Statistik zufolge stärker ausgebreitet, als in der säkularen Bevölkerung. Das geht aus internen Berechnungen des Gesundheitsministeriums hervor, aus denen israelische Medien zitieren. Während sich die Zahl der Infizierten in säkularen Städten zwischen dem Montag und dem Donnerstag der vergangenen Woche ungefähr verdoppelte, stieg sie im streng-religiösen Tel Aviver Vorort Bnei Brak um das achtfache und unter den ultraorthodoxen Juden Jerusalems um das Vierfache.

Besser alleine beten

Die Gefahr durch das Corona-Virus war vielen streng religiösen lange nicht bewusst. Das liegt auch daran, dass sie wenig über die Pandemie wussten und erfuhren. Aus religiösen Gründen haben viele von ihnen keine Smartphones, boykottieren das Internet und die großen Radio- und Fernsehsender des Landes.

Auf Flugblättern wird nun in einigen streng religiösen Wohngegenden vor dem Virus gewarnt. Zur mangelnden Information kommt eine ausgeprägte Missachtung des Staates. In Israels streng religiösen jüdischen Gemeinden gilt das Wort der Rabbis häufig mehr als das von Premierminister oder Staatspräsident und unter den geistlichen Führern der Gemeinden war das Bewusstsein für die Corona-Gefahr anfangs zum Teil nicht sehr ausgeprägt.

Ein spiritueller Führer der streng religiösen Partei Vereinigtes Thora-Judentum erklärte zum Beispiel, die Religionsschulen zu schließen sei viel gefährlicher als das Virus. Nun, eineinhalb Wochen später, rät der selbe Rabbi, es sei besser, alleine zu beten.

Erzwungene Gebetspause: Israels Ultraorthodoxe in Corona-Zeiten
Tim Aßmann, ARD Tel Aviv
29.03.2020 23:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. März 2020 um 05:24 Uhr.

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