Ein Mann geht an der Strandpromenade von Tel Aviv vorbei. | Bildquelle: REUTERS

Coronavirus-Pandemie Zweiter Lockdown in Israel

Stand: 18.09.2020 13:02 Uhr

In Israel hat der zweite Corona-Lockdown begonnen. Die Menschen dürfen sich nur noch einen Kilometer von ihrem Wohnort entfernen. Viele verlieren die Geduld - und machen ihrem Frust über die Netanyahu-Regierung Luft.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Neun Uhr morgens am Strand von Tel Aviv. Keine Wolke am Himmel, 26 Grad. In diesen Tagen beginnt in Israel eigentlich die schönste Zeit des Jahres. Wäre da nicht das Coronavirus. Etwa 6000 Neuinfektionen werden hier pro Tag nachgewiesen. Das sind umgerechnet auf die Bevölkerung fast 30-mal so viele wie in Deutschland. Und so viele wie in kaum einem anderen Land der Welt. 

Beginn des Zweiten Lockdowns in Israel
tagesschau 20:00 Uhr, 18.09.2020, Susanne Glass, ARD Tel Aviv

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Am Strand scheint das Virus trotzdem ganz weit weg. Eine Gruppe von Kindern liegt im Sand dicht gedrängt auf dem Bauch und macht Übungen für einen Surfkurs. Es ist Donnerstag. Der Tag vor dem Lockdown. Viele wollen noch mal raus. Orit Ovadia spielt Beachvolleyball. "Morgens Sport zu machen ist ein Privileg, das wir hier in Tel Aviv genießen. Besonders am Strand. Wir sind danach süchtig", sagt sie. "Es fängt uns auf, wenn das Leben mal stressig ist."

Sie habe hier eine Gemeinschaft und Freunde. "Und das soll uns nun für drei Wochen genommen werden. Ich glaube, dass manche Menschen das nicht akzeptieren werden. Dennoch macht der Lockdown Sinn. Denn alle Dinge brauchen auch mal eine Pause."

Dreiwöchiger Lockdown beginnt

Mindestens drei Wochen lang dürfen sich die Israelis nur einen Kilometer von ihren Häusern entfernen. Auch wenn es Ausnahmen gibt: Gemeinsam Beachvolleyball spielen ist tabu. Orit und ihre Mitspielerinnen kommen sich recht nahe. Klatschen sich ab.

"Am Anfang hatte ich Angst vor dem Virus. Panik. Es ist aber besser geworden. Denn ich sehe: Wir haben das Virus jetzt seit sechs Monaten bei uns und es geht uns gut. Ich kann doch nicht mein ganzes Leben anhalten. Das ist unmöglich."

So wie der Israelin geht es vielen im Land. Im März war die Furcht vor dem Virus groß. Ausgelöst durch die Bilder aus Norditalien. Entschieden befeuert aber auch von Premierminister Netanyahu, der intern sogar von einem möglichen Ende der Menschheit gesprochen haben soll. Dann geschah recht wenig. Die Sterblichkeit in Israel blieb gering. Die Zahl der Infektionen auch. Und der zuvor düstere Netanyahu rief seine Mitmenschen im Mai auf, Spaß zu haben und ein Bier trinken zu gehen. Das öffentliche Leben wurde schnell und planlos geöffnet. Und viele Menschen dachten: So schlimm ist Corona gar nicht. Aus Furcht wurde bei manchen Leichtsinn.

Zu viel Leichtsinn

Tel Aviv am Abend. Unterwegs zum Ichilov-Krankenhaus. Auf dem Weg liegt der Rabin-Platz. Im Außenbereich eines Restaurants sitzen junge Menschen dicht gedrängt. Kellnerinnen tragen ihren Mundschutz unterm Kinn.  

Vor dem Ichilov-Krankenhaus wartet Guy Choshen. Er ist der ärztliche Leiter der Corona-Stationen. Es ist fast 22 Uhr. Der Arzt arbeitet seit 14 Stunden. Choshen, der eine OP-Maske trägt, setzt sich auf eine Bank. Im Gebäude hinter ihm liegen schwerkranke Covid-19-Patienten.

"Ich habe gerade mit einem 61-Jährigen gesprochen. Vor einer Woche war er auf einer Hochzeit. Mehrere Hundert Gäste. Ich versichere Ihnen: Niemand trug eine Maske. Dort haben sich Dutzende infiziert." Er sei fassungslos, dass Israelis ihr Leben einfach weiterführen. "Sie tun so, als ob gerade nichts passieren würde."

Wer ist verantwortlich?

Fast jeden Tag taucht in Israel ein neues Video auf, das eine illegale Hochzeit zeigt. Hier tritt ein bekannter Sänger vor 600 Gästen auf. Keine Masken, kein Abstand. Im Norden Israels sollen sogar 5000 Menschen gefeiert haben. Die große Frage ist nun, wen man für diese Zustände verantwortlich macht. Die Hochzeitsgäste? Natürlich. Die Polizei, die die Feiern nicht unterbindet? Sicherlich.

Der Arzt vom Ichilov-Krankenhaus verweist aber auch auf die israelische Regierung. Auf Minister, die ihre eigenen Regeln brechen. Auf Premier Netanyahu, der in dieser Woche im Weißen Haus beim Masken-Verweigerer Donald Trump ebenfalls keine Maske trug. Auf Einschränkungen, die die Regierung für bestimmte Teile der Gesellschaft oder der Wirtschaft plante. Und dann wieder stoppte.

"Ich persönlich habe den Eindruck, dass wir im Moment gar keine Regierung haben", sagt der Arzt Choshen. "Das ist nur eine Ansammlung von Ministern, die alle Forderungen ihrer Gruppen erfüllen. Du kannst Dein Land aber nicht durch eine solche Krise führen, wenn Du gar nicht vorhast, die Regeln durchzusetzen."

Proteste gegen die Regierung

Vor ein paar Tagen gingen in Tel Aviv viele Teller zu Bruch. Die Betreiberinnen und Betreiber von Restaurants schmissen sie  auf den Boden. Und sagten dabei, dass sie die Schnauze voll hätten von der Regierung. Während des Lockdowns dürfen Restaurants nur Essen für Lieferdienste verkaufen. Viele fürchten um ihre Existenz.

"Wir wurden zerbrochen", sagt ein Restaurantbetreiber in einem Video. "Der Lockdown ergibt keinen Sinn. Wir sind ein Unternehmen mit 20 Mitarbeitern. Und wir müssen wieder schließen. Schauen Sie, wie viel Platz wir hier draußen haben. Wie kann es sein, dass die Leute beten, wir aber nicht arbeiten dürfen?"

Im weltlich geprägten Tel Aviv haben viele den Eindruck, dass ultraorthodoxen Juden zu viel gestattet wird. Dass die Regeln von diesem Teil der Gesellschaft besonders krass gebrochen wurden. Die Infektionsrate ist bei arabischen sowie ultraorthodoxen Israelis besonders hoch. Und so droht die Corona-Krise ein ohnehin gespaltenes Land weiter zu spalten.

Lockdown statt Feiertagsstimmung

Der Lockdown beginnt an einem besonderen Tag. Heute beginnt das jüdische Neujahrsfest. Israels Staatspräsident Rivlin wandte sich an seine Mitmenschen. Er weiß, dass viele nicht in Festtagsstimmung sind. Wie denn auch? Besuche bei Verwandten, die nicht in der Nachbarschaft leben, sind verboten. Die Regierung rechnet laut Medienberichten mit vielen Regelbrüchen im Lockdown.

Doch Rivlin machte den Bürgerinnen und Bürgern keinen einzigen Vorwurf. Auch er selbst hatte sich beim ersten Lockdown nicht an alle Regeln gehalten. "Ich weiß, dass wir nicht die Führung gezeigt haben, die Anerkennung verdient. Ihr habt uns vertraut, und wir haben Euch im Stich gelassen", sagte er.

Der zweite Lockdown sei eine zweite Chance für die Regierung, sagte der israelische Präsident. Eine dritte werde es wohl nicht geben.

Wie konnte das passieren? Tel Aviv vor dem Lockdown
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
18.09.2020 07:42 Uhr

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