Eine Helferin packt Lebensmittelpakete für bedürftige Familien in Mailand. | Bildquelle: ANDREA FASANI/EPA-EFE/Shuttersto

Corona-Krise in Italien Leben mit Essensgutscheinen

Stand: 30.04.2020 08:39 Uhr

Acht Millionen Italiener sind wegen Corona in Kurzarbeit. Viele, die es vorher nie vermutet hätten, stürzten dadurch in soziale Probleme - trotz der Milliardenhilfe des Staates.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Die Wirklichkeit hinter den Zahlen ist in einem Vorort in Mailand in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung zu Hause. Hier wohnt Francesca mit ihren beiden Söhnen. "Ich überlebe, indem ich bescheiden lebe, wir bescheiden essen. Man verliert in dieser Zeit einen Teil seiner Würde, weil man andere um Hilfe bitten muss. Ich habe meine Familie und meine Stadt um Hilfe gefragt."

Hilfe der Stadt bedeutet: Francesca hat um Essensgutscheine gebeten, um sich und ihre beiden Söhne in der Corona-Krise durchzubringen. Bis Mitte März, dem Beginn des Lockdowns in Italien, war die 45 Jahre alte Mutter alles andere als ein Sozialfall.

20 Jahren hat sie als Sekretärin in einer Textilfirma gearbeitet. Wegen Corona hat das Unternehmen den Betrieb am 16. März vorübergehend eingestellt und Francesca in Kurzarbeit geschickt. Seitdem hat sie keinen Euro mehr bekommen - und kämpft mit den Tränen. "Ich bin ein ehrlicher Mensch und habe immer gearbeitet. Und ich finde, ich habe das nicht verdient, so durch die Institutionen alleine gelassen zu werden. Das gilt für mich, aber auch für viele andere."

Jeder Dritte wartet auf die versprochene Hilfe

Fast acht Millionen Kurzarbeiter gibt es durch die Corona-Krise in Italien, jedem Dritten geht es wie Francesca: Seit rund sieben Wochen sind sie ohne Beschäftigung, ohne Einkommen - und bislang auch ohne die finanzielle Hilfe, die die Regierung versprochen hat. Fast 2,7 Millionen Menschen warteten immer noch auf ihr Kurzarbeitergeld, räumt das Nationale Fürsorgeinstitut INPS ein.

Luigi Sbarra, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft CISL, macht das wütend. "Wir reden hier von mehreren Millionen Menschen, die seit fast zwei Monaten ohne Geld sind. Die Regierung hat vor Wochen ihr Hilfspaket Cura Italia mit mehreren Milliarden Euro für die Beschäftigten und die Betriebe beschlossen. Aber das Geld ist bei den Menschen immer noch nicht angekommen", sagt Sbarra. "Das betrifft das ganze Land."

Pannen und Bürokratie verhindern die Auszahlung

Zunächst war der Computer des Nationalen Fürsorgeinstituts unter der Vielzahl der Anfragen zusammengebrochen. Seitdem bremst unter anderem die von der Regierung vorgeschriebene Prozedur, die unter anderem eine Zwischenprüfung der Anträge durch die Regionen vorsieht. Das alles, sagt Sbarra, geschehe auf dem Rücken der Arbeiter und Angestellten, die seit Wochen nicht wüssten, wie sie ihr tägliches Leben finanzieren sollen. "Es gibt eine unakzeptable Langsamkeit. Viel zu viel Bürokratie, die zu einem besorgniserregenden sozialen Klima führt."

Und zu einer Situation, in der Menschen aus dem sozialen Mittelstand plötzlich auf Essensgutscheine angewiesen sind. Francesca, die Mutter aus Mailand, ist ihre derzeitige Lage so unangenehm, dass sie ihren Nachnamen öffentlich nicht genannt haben möchte. Ihre Realität als Kurzarbeiterin sei beschämend. "Wir sind verzweifelt. Man hat uns gesagt, dass wir wegen des Virus zuhause bleiben müssen und uns dann alleine gelassen. Ich kann auf fast alles verzichten, aber ich muss die Kinder irgendwie ernähren. Die Schule geht weiter, das Internet muss bezahlt werden, weil sie Online-Unterricht bekommen."

Ende des Lockdowns in Sicht

16 und 19 Jahre alt sind Francescas Söhne. Von der Regierung gibt es in der Corona-Krise nur Unterstützung für Eltern von Kindern, die maximal zwölf Jahre alt sind.

Nächste Woche soll die Firma, in der Francesca arbeitet, den Betrieb wieder aufnehmen. Aber auch dem Neustart sieht die Sekretärin beunruhigt entgegen: "Die Angst ist, dass ein kleines Unternehmen wie unseres nicht überlebt oder Arbeitsplätze abbauen muss. Die Menschen haben ja kein Geld mehr. Wer soll da kaufen, wer Geld ausgeben? Außer der derzeit bedrückenden Situation macht mir auch die Zukunft Sorgen."

Leben mit Essensgutscheinen: Kurzarbeiter-Realität in Italien
Jörg Seisselberg, ARD Rom
30.04.2020 07:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. April 2020 um 06:17 Uhr.

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