Eine Gruppe der ersten 86 italienischen Gastarbeiter winkt während eines Aufenthalts auf dem Hauptbahnhof in Hannover aus dem Zug. | Bildquelle: dpa

65 Jahre Anwerbeabkommen mit Italien Gastarbeiter, die bleiben

Stand: 20.12.2020 06:38 Uhr

Die Bundesrepublik boomte und brauchte dringend Arbeitskräfte. Deswegen ging der Blick in den 50er Jahren in den Süden Europas. Arbeitskräfte aus Italien sollten mit anpacken - für eine begrenzte Zeit. Es kam anders.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Tief im Süden Siziliens ist Carmelo D’Angelo zuhause. Doch auch wenn der Bürgermeister von Ravanusa in Deutschland unterwegs ist, kommen Heimatgefühle auf, wie er erzählt:

"Über ganz Deutschland verteilt leben Leute aus meiner Stadt. Sie sind in Stuttgart, Köln, Frankfurt, München, in Mannheim, im Saarland. Hier in Ravanusa sagen wir: Wenn wir in Deutschland sind, treffen wir immer irgendwo einen Ravanusano."

"Wer wegging, hat in deutschen Fabriken gearbeitet"

Ravanusa in der Nähe von Agrigent ist eine Stadt, die ihr heutiges Gesicht dem sogenannten Gastarbeiter-Abkommen von 1955 verdankt. Im Guten, wie im Schlechten. Ravanusa ist Auswandererstadt, rund ein Viertel des 11.000 Einwohner zählenden Ortes ist nach Deutschland gezogen.

"Wer wegging, hat in Bergwerken oder in deutschen Fabriken gearbeitet. Und das ganze Geld, das sie verdient haben, haben sie nach Hause geschickt. Um sich hier im Ort ein neues Haus zu bauen oder um den Kindern die Möglichkeit zu geben, zu studieren", erzählt Bürgermeister D’Angelo.

Bis in die 1970er Jahre hinein gab es eine Art Bauboom in Ravanusa. Jeder wollte ein Haus für seine fest eingeplante Rückkehr.

Flucht vor Arbeitslosigkeit in der Heimat

Die andere Seite des deutsch-italienischen Anwerbeabkommens ist zum Beispiel Wolfsburg, wo heute über 5000 Italiener leben. Rocco Artale kam als einer der ersten, um in der Volkswagen-Fabrik zu arbeiten. Heute ist Artale 80 Jahre alt, in der Zwischenzeit ist er Mitglied des Stadtrats gewesen und zum Ehrenbürger ernannt worden. Sein Weg nach Deutschland aber, aus einem kleinen Ort in den Abruzzen, war beschwerlich.

In einer zentralen Stelle in Verona wurden alle Italiener auf ihre Arbeitsfähigkeit geprüft - und mussten sich dabei teilweise entwürdigenden Prozeduren unterziehen, erzählt Artale. "Man musste sich vor den deutschen Ärzten fast nackt hinstellen. Es wurde nach den Händen geguckt, es wurde in den Mund geguckt, man musste sich bücken und andere Dinge mehr. Das war sehr unangenehm."

Das alles, um der Arbeitslosigkeit daheim zu entfliehen und in Deutschland Geld zu verdienen. Italiens Regierung fand das damals gut, erzählt die Historikerin Grazia Prontera von der Universität Salzburg: "Weil sich damit viele soziale Probleme gelöst haben, da der Druck von ganz viel Arbeitslosigkeit nicht mehr da war. Das hat natürlich mehr politische Stabilität geschaffen."

"Zutritt für Hunde und Italiener verboten"

In Deutschland wurden die Arbeitsmigranten aus Italien, weit weg von der einheimischen Bevölkerung, in Baracken untergebracht. Dort, sagt Artale, mussten sich vier Personen ein 13 Quadratmeter großes Zimmer teilen. "Es gab vier Betten, einen Schrank, einen Tisch, vier Stühle und Neonlicht. Das ist alles, was da gewesen ist."

Willkommenskultur? Integration? Nicht in den 1950er und 1960er Jahren. Vor Gaststätten standen teilweise Schilder mit der Aufschrift "Zutritt für Hunde und Italiener verboten".

Artale selbst machte sich später für Integration stark, engagierte sich in der Gewerkschaft, ging in den in Wolfsburg geschaffenen Ausländerbeirat, gründete mit einer Deutschen eine Familie - und durfte sich später als Ehrenbürger in das goldene Buch der Stadt eintragen.

Angesichts der eigenen Erfahrung schaut Artale mit besonderem Blick auf die derzeitige Migration Richtung Europa: "Unser Mittelmeer ist ein Todesmeer geworden für diejenigen, die auch Arbeit suchen. Man müsste in Europa einen Einwanderungskorridor gründen, wo Leute legal nach Europa kommen und sich einen Arbeitsplatz suchen können."

Nicht alle sind zurückgekehrt

Ravanusa, die Auswandererstadt im Süden Siziliens, hat mittlerweile eine Städtepartnerschaft mit Sulzbach im Saarland geschlossen. Von dort, erzählt Bürgermeister D’Angelo, sei in der Corona-Pandemie, viel Hilfe gekommen. Vom relativen Reichtum der Auswanderboom-Jahre dagegen sei wenig geblieben, viele der damals gebauten Häuser seien mittlerweile ungenutzt.

Die Migranten aber, die zurückgekehrt und geblieben sind, sagt der Bürgermeister schmunzelnd, hätten ein Stück Deutschland mitgebracht: "Sie lieben die deutsche Pünktlichkeit und Ordnung, haben einen Teil der deutschen Mentalität übernommen. Sie sagen häufig: In Deutschland war das aber so und so. Sie wollen ein bisschen der dortigen Einstellung hier einführen."

Gastarbeiter, die blieben - 65 Jahre Anwerbeabkommen mit Italien
Jörg Seisselberg, ARD Rom
20.12.2020 00:04 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 20. Dezember 2020 um 12:09 Uhr.

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