Der deutsche Stürmer Gerd Müller jagt im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt mit dem Ball auf das italienische Tor zu | Bildquelle: picture alliance / dpa

Sieg gegen Deutschland vor 50 Jahren Italien feiert das "Jahrhundertspiel"

Stand: 17.06.2020 15:12 Uhr

Es gilt als eines der legendärsten Fußballspiele der Geschichte: Vor genau 50 Jahren gewann Italien im WM-Halbfinale 4:3 gegen Deutschland - ein Sieg, der für das Land viel mehr war als nur ein Fußballspiel.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Für die Welt war es ein Fußballspiel, für Italien ist es ein Stück Kulturgeschichte: Die Zeitung "Messaggero" hebt dieser Tage den Rückblick auf das sogenannte Jahrhundertspiel auf die Feuilletonseite. Ein Spiel, das Italien geeint hat, heißt es dort.

Die "Repubblica" spricht von einem Mythos, der "Corriere della Sera" von einem Referenzpunkt in der Geschichte des Landes. Und der Soziologe Nando Dalla Chiesa beschreibt im Gespräch mit dem ARD-Studio Rom den 4:3-Erfolg über Deutschland als zweite Geburtsstunde der italienischen Republik.

"Es war das erste Mal, dass ich gesehen habe, dass die italienische Fahne von normalen Menschen benutzt wurde. Bis dahin trugen sie nur diejenigen, die dem faschistischen Regime nachtrauerten. Das war eine Entdeckung, die Entdeckung unserer Tricoclore, auf eine sehr naive, unideologische Art. An dem Abend ist sie zu einem Symbol des Volkes geworden."

Bücher, Theaterstücke, Filme

Es war aufgrund der Zeitverschiebung mitten in der Nacht, als in Italien im Juni 1970 Millionen Menschen auf die Straßen und Plätze strömten, um zu feiern - den Erfolg im Weltmeisterschaftshalbfinale über Deutschland nach einer dramatischen Verlängerung. Zahlreiche Bücher im Land erschienen danach über diese Nacht, Theaterstücke wurden aufgeführt, Filme produziert.

Einen davon, eine Drama-Komödie mit dem schlichten Titel "Italien Deutschland 4:3", hat in den 1990 Jahren Andrea Barzini gedreht. Er selbst sei kein Sportfan, sagt er, Fußball habe er immer nur entfernt verfolgt. "Aber der Fußball ist in Europa ein wichtiger Teil der Kultur, der Volkskultur. Der Fußball erzählt auch etwas über Konflikte und kulturelle, geschichtliche und soziale Differenzen zwischen Ländern."

Der deutsche Abwehrspieler Karl-Heinz Schnellinger lenkt im Fallen eine hohe Flanke ins italienische Tor und besorgt so in der 90. Spielminute den 1:1-Ausgleich im WM-Halbfinale 1970. | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Der deutsche Abwehrspieler Karl-Heinz Schnellinger lenkt im Fallen eine hohe Flanke in das italienische Tor und besorgt so in der 90. Spielminute den 1:1-Ausgleich. Die Verlängerung gewann Italien 4:3. 

Metapher für das italienisch-deutsche Verhältnis

In diesem Fall etwas über Italien und dessen Beziehung zu Deutschland. Was sich abspielte in der Nacht vom 17. auf den 18. Juni mitteleuropäischer Zeit im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt, tauge, sagt Barzini, als Metapher für das italienisch-deutsche Verhältnis:

"Auf der einen Seite ist da dieser Minderwertigkeitskomplex, den die Italiener stets den Deutschen gegenüber gehabt haben. Ich habe als Junge dieses Spiel gesehen und kann mich noch erinnern, dass alle gesagt haben: Schau mal, wie groß die sind. Schau, wie schnell die sind, was für Körper die haben. Wir sind klein und hässlich."

Ein Bild, das sportlich gesehen wenig passt. Italien war fußballerisch schon damals durchaus stark, immerhin Europameister, während Deutschland geschwächt aus einem kräfteraubenden Spiel gegen England kam. Die trotzdem kollektiv empfundene Außenseiterolle in Italien bestärkt Barzinis Methapherthese.

Geist der 68er-Jahre

Das bis heute schwierige Verhältnis mit dem wirtschaftlich starken Partner im Norden, sagt Soziologe Dalla Chiesa, habe sich in jener Nacht vermischt  mit dem Zeitgeist im Land. Er selbst hat das Jahrhundertspiel in einem Studentenwohnheim der Mailänder Bocconi-Universität gesehen, am Boden sitzend mit Dutzenden anderen vor einem Schwarz-weiß-Fernseher.

Das 4:3 nach einem umkämpften, wilden Spiel, sagt Dalla Chiesa, transportiere etwas vom Geist der italienischen 68er-Jahre:

"Ich war zwischen vielen 20-Jährigen, die rebellisches Blut hatten - und in dieses Spiel gegen Deutschland eine Rebellion projiziert haben. Deutschland war das Symbol der Wirtschaft, ein reiches Land, mit schönen Mädchen und mehr Freiheiten. Die Generation damals hatte Lust, gegen vieles zu rebellieren. Und an dem Abend haben wir auch Deutschland dem zugerechnet, wogegen wir rebellieren wollen."

"Alle haben gejubelt, geschrien und sich umarmt"

Dalla Chiesa hat über das Spiel ein Buch geschrieben, das jetzt zum 50. Jahrestag neu aufgelegt wurde. Untertitel: Geschichte einer Generation, die angegriffen und gewonnen hat.

Auch an Barzinis Film wird dieser Tage in Italien erinnert. Der fußball-uninteressierte Regisseur weiß noch, was er heute vor 50 Jahren gemacht hat. In jener Nacht, sagt er, sei er seinen Freunden hinterher gerannt. "Alle haben gejubelt, geschrien und sich umarmt." Er selbst sei eher eingeschüchtert gewesen von der Atmosphäre. "Aber ich habe verstanden, welch enormen Wert der Sport haben kann: Die Regeln des Alltäglichen umzustürzen, jedem die Chance zu einem großen Abenteuer zu geben. Und jene Nacht war genau das für Italien."

Das Jahrhundertspiel: Warum es in Italien ein Mythos ist
Jörg Seisselberg, ARD Rom
17.06.2020 13:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. Juni 2020 um 16:15 Uhr.

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