Menschen sitzen mit dem empfohlenen Abstand auf Parkbänken, Tokio/Japan | Bildquelle: AFP

Coronakrise in Japan Viele fühlen sich vom Staat allein gelassen

Stand: 30.04.2020 16:28 Uhr

In Japan beginnt die Goldene Woche, eine Serie von Feiertagen. Normalerweise freuen sich die Menschen auf diese Zeit, um ihre Familien zu besuchen. Doch in diesem Jahr ist alles anders

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Eigentlich ist jetzt in Japan "kisei-Zeit" - Zeit für einen Familienbesuch. Aber das Land ist im Ausnahmezustand und Regierungschef Shinzo Abe hat das Volk gebeten, auf "online-kisei" umzusteigen, die Lieben also lieber virtuell statt in Wirklichkeit zu treffen.

Der 49-jährige Takeshi versucht, das Beste daraus zu machen: "Wir verreisen normalerweise in der Goldenen Woche. Aber dieses Mal bleiben wir zu Hause. Ich gehe mit meinem Kind in den Park, solange er nicht geschlossen wird."

Alle sollen zu Hause bleiben

Einige Spielplätze in Tokio sind zwar mit Flatterband abgesperrt, aber längst nicht alle. So wie ein kleiner Park mitten in der Innenstadt. Dort ist Kyosuke. Der Vater hat nichts geplant für die kommenden Tage, seine Tochter ist erst zwei Jahre alt. "Wir haben nichts vor. Es wird weiter so laufen wie jetzt. Mein Kind ist noch klein. Wenigstens wollte ich mit ihr zum Park gehen."

"Ich mache nicht so richtig mit"

Denn das Wetter ist herrlich, Sonnenschein und Temperaturen über 20 Grad. Er weiß, dass er eigentlich nicht rausgehen sollte. Mehrmals am Tag wird er per Lautsprecherdurchsage daran erinnert, zu Hause zu bleiben. Aber: "Ich mache nicht so richtig mit. Denn was wahr ist und was nicht, weiß man ja nicht", erklärt Kyosuke.

Vertrauen in die Regierung verloren

Denn noch immer wird trotz zahlreicher Appelle von Ärzten relativ wenig auf das Virus getestet. Durch die Coronakrise hat Kyosuke endgültig das Vertrauen in die eigene Regierung verloren. "Der japanische Staat schafft es nicht, die Situation genau zu analysieren und eine solide Politik dafür zu entwerfen. Es ist eine Schande. In Zeiten wie diesen wird der wahre Wert des Landes klar."

Ein Mann mit Schutzmaske vor geschlossenen Geschäften, Harajuku-Bezirk/Tokio | Bildquelle: AFP
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Viele Japaner sind verärgert. Sie glauben nicht, dass die Regierung der Bevölkerung wirklich helfen möchte.

Auch Kaoru ist genervt. Sie hatte sich auf einen Kurzurlaub gefreut, so wie es in Japan in dieser Saison des Jahres üblich ist. "Wir können gar nicht wegfahren. Es wird jetzt so sein, dass wir einfach nur mit dem Kind in den Park gehen. Nicht mal die Bibliothek ist offen."

Die 30-Jährige ist seit Wochen zu Hause, denn ihr Kind wird nicht mehr betreut, und da sind es in Japan vor allem die Mütter, die ihren Arbeitsplatz aufgeben. Sie bekommen vom Staat dafür eine Miniaufwandsentschädiung.

"Langsam nicht mehr auszuhalten"

Kaoru fragt sich, wie lange das noch so gehen soll, und sie macht sich Sorgen, auch um sich selbst: "Wenn die Lage so bleibt wie jetzt, ist das schlecht für meinen mentalen Zustand. Ich weiß nicht, wie mein Kind sich in dieser Situation fühlt. Aber die Belastung, dass ich allein für die Erziehung zuständig bin. Und die Situation, zu Hause bleiben müssen. Es ist schon stressig und ist langsam nicht mehr auszuhalten."

Sie fühlt sich vom Staat allein gelassen. "In der Coronakrise hat man nicht den Eindruck, dass der Staat der Bevölkerung ernsthaft helfen möchte. Es gibt auch keine Hilfe für Selbstständige. Aber trotzdem verlangen sie, zu Hause zu bleiben."

Immerhin: Ab jetzt kann jeder Bürger 100.000 Yen beantragen. Das sind derzeit etwa 860 Euro.

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