Eine  japanische Schulklasse | Bildquelle: dpa

Lehrer in Japan Mindestens 80 Überstunden pro Monat

Stand: 31.08.2020 08:56 Uhr

Schon vor Corona hatten Japans Lehrer weltweit die meisten Überstunden. Die Pandemie hat die Lage noch einmal verschärft. Jede zweite Lehrkraft arbeitet monatlich mindestens 80 Stunden zusätzlich.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Japans Lehrkräfte haben schon immer sehr viele Überstunden gemacht - innerhalb der OECD-Staaten liegen sie ganz vorn. Das liegt zum einen an zusätzlichen Nachmittags-Arbeitsgruppen, aber auch am eigenen Anspruch, sich für die Kinder bis zum Letzten zu opfern. Zu der ohnehin großen Belastung kommt nun noch Corona hinzu - und da zeigt eine aktuelle Umfrage: Mehr als jede zweite Lehrkraft hat im Juli mindestens 80 Überstunden gemacht.

Die Lehrerin steht mit einem Gesichtsschild vor der Tafel, alle Schülerinnen und Schüler tragen Masken, die Fenster sind geöffnet, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren - so sieht Matheunterricht in Corona-Zeiten in Japan aus. Nach den Sommerferien ist der ohnehin schon hohe Druck auf Kinder und Lehrkräfte nochmal größer geworden, weil Japans Schulen monatelang geschlossen waren.

Lehrer müssen Klassenzimmer desinfizieren

"Wir müssen unseren Unterricht beschleunigen, um Lernstoff aufzuholen. Wenn wir uns jedoch zu sehr beeilen, werden nicht alle Kinder mitkommen", sagt Chie Sasaki, Lehrerin einer vierten Klasse in Kyoto. Um das zu vermeiden, bereite sie sich jeden Tag intensiv vor, was eine Menge Arbeit für sie sei, erzählt Sasaki im TV Sender KBS. Die Grundschule hat die Unterrichtszeit heraufgesetzt, zwei Mal in der Woche lernen die Kinder jetzt sieben Stunden und damit eine Stunde länger als bisher. Danach müssen die Lehrkräfte noch alle Klassenzimmer desinfizieren. Wegen der Corona-Pandemie gebe es außerdem mehr Sitzungen, zusätzliche Anleitungen für Schüler und vieles mehr.

Im Juli haben 57 Prozent der japanischen Lehrkräfte deshalb mehr als 80 Überstunden gemacht, ein Großteil davon sogar mehr als 100. Das ergab eine Umfrage der Nichtregierungsorganisation Kyoiku no Mori unter mehr als 1000 Lehrkräften. Shinji Fujikawa, Leiter der Organisation, fürchtet negative Konsequenzen für alle Seiten. "Die Lehrkräfte sind müde und können deshalb nicht mehr gut mit den Kindern kommunizieren. Es hat sich gezeigt, dass jede zweite Lehrkraft nicht mehr aufmerksam zuhört", sagt Fujikawa. Das frustriere die Kinder zusätzlich zum Corona-Stress und werde sich auch in ihrem Verhalten widerspiegeln. "Das setzt dann eine Negativspirale in Gang", so Fujikawa.

Noch mehr Arbeit wegen Corona

Wieder einmal zeige sich, dass Japans Lehrkräfte schlechter gestellt seien, als Pädagogen in anderen Ländern, sagt Erziehungswissenschaftler Akira Sakai von der Sophia-Universität in Tokio. Sie seien sozusagen Mädchen für alles. Sakai stand der NGO bei der Umfrage beratend zur Seite. "Während sich die Lehrkräfte in anderen Ländern auf den Unterricht konzentrieren können, sind sie in Japan damit beschäftigt, Klassenzimmer zu desinfizieren oder Extra-Aufgaben wegen Corona zu erfüllen", so Sakai.

Das frustriere die Lehrkräfte, die bereits in der Vergangenheit weltweit zu jenen mit den meisten Überstunden gehörten. Neben dem Unterricht müssen sie zahlreiche Arbeitsgruppen betreuen und das auch gern am Wochenende. Außerdem sind die Lehrer quasi rund um die Uhr für Eltern ansprechbar - vielfach, um auch ihrem eigenen Anspruch, aus den Kindern gute Erwachsene zu machen, gerecht zu werden.

Gefahr von Burnouts und Suiziden

Hideki Nozawa von der Lehrergewerkschaft kritisiert: "Japanische Lehrkräfte hatten schon ohne Corona viel zu tun und haben jetzt noch mehr Arbeit. Die psychologische Belastung ist enorm hoch." Weitere Burnouts und Suizide könnten die Konsequenzen sein. Anfang des Jahres hatte das Erziehungsministerium maximal 45 Überstunden pro Monat als Zielmarke ausgegeben - immerhin ein Anfang. Ein neuer Arbeitsstil sollte Einzug in den Schulen halten, doch davon kann seit Corona keine Rede mehr sein.

80 Überstunden in einem Monat - Japans Lehrer am Limit
Kathrin Erdmann, ARD Tokio
31.08.2020 07:29 Uhr

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