Das Bergdorf Jaun in der Schweiz | Bildquelle: Jan Bräuer/ARD Zürich

Jaundeutsch - die fünfte Sprache Sehr viel mit dem Laut "Oooh"

Stand: 27.04.2019 13:07 Uhr

Die Schweiz ist ein Land mit vielen Eigenheiten. Eine davon: die vier Amtssprachen. Inoffiziell gibt es sogar eine fünfte. In einem Dorf bei Fribourg wird Jaundeutsch gesprochen.

Von Jan Bräuer, ARD-Studio Zürich

Wer nach Jaun will, muss erst mal über den Berg. Egal, aus welcher Richtung er kommt. Die landschaftlich schönste Anfahrt aus dem Berner Oberland führt über den Jaun-Pass. Sieben Kilometer windet sich die Straße zur Passhöhe, fünf Kilometer geht es danach wieder hinunter ins Tal. 

Die Gipfel der Berge liegen noch unter Schnee, 2500 Meter sind sie hoch. Die Wiesen im Tal sind dagegen saftig grün. Die ersten Kühe sind schon ausgezogen und stehen wiederkäuend am Rand der Straße.

Irgendwann tauchen Häuser auf und plötzlich ist man mittendrin in Jaun. Wohnhäuser links und rechts des Weges, den Berg hinauf bis zum Waldrand. Dazu zwei Kirchen, eine Schule, ein Hotel, ein Bäcker, ein kleiner Supermarkt, zwei Tankstellen, ein Jugendgästehaus und ein Wasserfall. 

Das Bergdorf Jaun in der Schweiz
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Jaun ist der höchstgelegene Ort im Kanton Freiburg.

Einziger deutschsprachiger Ort im Kanton Freiburg

Etwa eine Minute braucht man für die Durchfahrt. Jaun ist der höchstgelegene Ort des Kantons Freiburg. Und der einzige, in dem Deutsch gesprochen wird: "Deutschschweizer? Nein, das sind wir nicht", sagt Leo Buchs, pensionierter Chemie-Kaufmann.

Wer Jaundeutsch verstehen will, muss ihn fragen. Er hat ein Wörterbuch dazu geschrieben: "Heitr schoa amal ghört, wie einr a soa gred't hat?" Ob man schon mal jemanden so sprechen gehört habe, fragt er.

Jaundeutsch - auf den Spuren der heimlichen fünften Amtssprache der Schweiz
Jan Bräuer, MDR
26.04.2019 12:52 Uhr

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Vom Professor zum Wörterbuch Schreiben überredet

Leo Buchs ist 79 Jahre alt. Mit 65 schrieb er sich an der Universität in Zürich ein. Viereinhalb Jahre studierte er zusammen mit seiner jüngsten Tochter Germanistik und Dialektologie. Irgendwann kam ein Professor auf ihn zu.

"Er schaut mich an und sagt: 'Heißen Sie Buchs?' Ich sage: Ja. 'Kommen Sie von Jaun?' Ich sage: Ja. 'Wissen Sie nicht, dass das Jaundeutsche etwas ganz Eigenartiges ist?' Dann habe ich ihm gesagt: Doch, das weiß ich. Dann hat mir der Professor gesagt: 'Sie müssen ein Wörterbuch über das Jaundeutsche schreiben.'"

Leo Buchs hat sich das erst nicht zugetraut. Und fing dann doch an, die Worte zu sammeln und ihre Bedeutung. Sechs Jahre und etwa 14.000 Wörter später war das Buch fertig und die alte Sprache niedergeschrieben.

Konfessionsgrenze, Sprachgrenze

Ihren Ursprung hat sie vor wohl 500 Jahren. Damals sprachen die Menschen in Jaun noch wie die Menschen im Berner Oberland. Doch dann nahm der Kanton Bern die Reformation an, während Freiburg (Fribourg) katholisch blieb.

Die Kontakte rissen ab, kaum einer kam oder ging mehr die Trampelpfade über den Berg. Da man aber auch die französischsprechenden Nachbarn eher misstrauisch betrachtete, geriet der Ort in eine jahrhundertelange Isolation. Die Menschen erschufen ihre eigene Sprache.

 "Wir sprechen sehr viel mit dem Laut 'oooh'. Wenn wir 'danken' sagen, heißt das 'doochä' - ja, sehr viel mit diesen Dehnlauten."

Werner Schuwey | Bildquelle: Jan Bräuer
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Was die Zukunft des Jaundeutschen angeht, ist Werner Schuwey optimistisch.

Sorge ums Jaundeutsch

Werner Schuwey ist wie Leo Buchs Jauner von Geburt an. Hat im Ort die Schule besucht. Zog dann aus nach Fribourg, machte dort das Abitur, studierte und kam als Lehrer zurück. In Jaundeutsch klingt das so: "I hoa hia mine Primarschul' b'sucht, spiäter z' Fribourg gstudiert, nach de Diplomierig bin i zrückkoa."

Inzwischen ist Schuwey seit 20 Jahren pensioniert, ist heute Hobby-Imker und Organist. Wenn er sich mit Leo Buchs trifft, dann geht es natürlich auch ums Jaundeutsch. Und um die Sorge der beiden, dass die Sprache aussterben könnte.

Leo Buchs malt da die Zukunft ziemlich eher düster: "Ich mache die Aussage, dass in 50 Jahren kaum jemand noch Jaundeutsch spricht. Jaundeutsch wird sterben."

Werner Schuwey dagegen ist nicht ganz so pessimistisch. Natürlich ist die Abwanderung immer noch groß. Jaun schrumpft seit Jahren. Arbeitsplätze sind rar oder schlecht bezahlt. Und doch hat der alte Lehrer einen Sinneswandel bemerkt: "Es erstaunt mich immer wieder, wie die Jungen heute hier in Jaun immer noch gut Jaundeutsch sprechen."  

Vielleicht stirbt sie also doch nicht. Oder zumindest nicht so schnell, die heimliche fünfte Amtssprache der Schweiz: das Jaundeutsch.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 28. April 2019 um 00:20 Uhr und 04:20 Uhr.

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