Der kanadische Konservative Scheer im Wahlkampf | Bildquelle: REUTERS

Trudeaus Herausforderer Andrew Scheer - unbekannt ins Amt?

Stand: 21.10.2019 06:36 Uhr

Selber konnte Trudeaus Herausforderer Scheer im Wahlkampf kaum punkten. Bis vor Kurzem war er auch im eigenen Land nicht wirklich bekannt. Der konservative Politiker profitiert vor allem von den Fehlern Trudeaus.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

"Andrew, wer?" fragte nicht nur die Zeitung "Toronto Star", als im Mai 2017 der neue Vorsitzende der kanadischen Konservativen Partei gewählt wurde. Andrew Scheer war das Kunststück geglückt, sich in der entscheidenden letzten von 13 Wahlrunden mit 51 Prozent durchzusetzen, nachdem die zwölf Runden zuvor ein deutlich bekannterer Ex-Minister gewonnen hatte.

Jetzt versucht der 40 Jahre alte Scheer wieder für eine Überraschung zu sorgen. "Ich bin gekommen, um Euch zu sagen, dass die Last der Trudeau-Regierung nur vorübergehend sein wird", so Scheer.

Scheer in der Offensive  

Bis Anfang des Jahres sah es allerdings nicht so aus, als würde diese Botschaft verfangen. Gegen den schillernden Popstar Justin Trudeau ist Scheer immer eine graue Maus geblieben. Doch dann sorgte ausgerechnet Trudeau selbst dafür, dass sein Herausforderer Scheer in die Offensive kommen konnte, wie bei der letzten Fernsehdebatte vor der Wahl.

"Mister Trudeau, Sie sind von der Ethik-Kommission gerügt worden, weil Sie sich in ein laufendes Verfahren eingemischt haben. Sie haben parlamentarische Untersuchungen verhindert. Und sie haben die Leute in ihrer Partei gefeuert, die es gewagt haben Ihnen zu widersprechen und die Wahrheit zu sagen. Sagen Sie mir, wann haben Sie entschieden, dass Sie über dem Gesetz stehen?"

Bei jeder Gelegenheit spielt Scheer auf den Skandal an, der im Frühjahr das Saubermann-Image Trudeaus erschüttere. Der Premier soll seine damalige Justizministerin unter Druck gesetzt haben, Korruptionsermittlungen gegen einen großen kanadischen Baukonzern zu verhindern. Zwei Ministerinnen traten aus Protest zurück. Kaum hatten sich die Wogen danach etwas geglättet, tauchten fast 20 Jahre alte Fotos auf, auf denen Trudeau mit dunkel geschminkten Gesicht zu sehen ist. Eine erneute Steilvorlage für Scheer.

Andrew Scheer im Wahlkampf | Bildquelle: AP
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Herausforderer Scheer: "Mister Trudeau, Sie sind ein Lügner und Betrüger."

"Er trägt ja immer eine Maske"


"Er kann sich ja nicht mal daran erinnern, wie oft er das gemacht hat. Kein Wunder, er trägt ja immer eine Maske. Eine Maske der Aussöhnung, um dann die erste indigene Generalstaatsanwältin zu feuern. Eine Feminismus-Maske, um dann zwei Ministerinnen zu schassen. Er setzt sich die Mittelklasse-Maske auf und erhöht dann die Steuern für diese Mittelklasse. Mister Trudeau, Sie sind ein Lügner und Betrüger - und Sie verdienen nicht, das Land zu regieren."

Vor lauter Attacken gegen den amtierenden Premier hat es Scheer jedoch versäumt, eigene Akzente zu setzen. Sein Hauptwahlversprechen, die gerade eingeführte CO2-Abgabe wieder abzuschaffen und die Steuern zu senken, ist ziemlich vage. Auf der Zielgeraden versuchte der Konservative zuletzt noch einmal mit der Forderung nach einer strengeren Einwanderungspolitik zu punkten." Die Kanadier haben das Vertrauen verloren, dass das System fair und unsere Grenzen noch sicher sind", so Scheer.

Vor allem aber haben viele Trudeau-Wähler das Vertrauen in den Regierungschef verloren. Das könnte die Chance für den Herausforderer Scheer sein, auch bei der Parlamentswahl für eine Überraschung zu sorgen.

Über dieses Thema berichteten NDR Info am 08. Oktober 2019 um 10:08 Uhr und Deutschlandfunk am 20. Oktober 2019 um 18:40 Uhr.

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