Duncan Kibet in Rotterdam im Jahr 2009 | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Profi-Läufer aus Kenia "Ich überlebe irgendwie"

Stand: 27.09.2019 05:43 Uhr

Startschuss zur Leichtathletik-WM in Doha - mit dabei sind auch einige Läufer aus Kenia. Vielen bietet der Sport die Chance, der Armut zu entkommen. Doch oft führt der Erfolg in den Ruin.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Er war ganz oben angekommen: Duncan Kibet gewinnt im Jahr 2009 den Marathon von Rotterdam, in zwei Stunden, vier Minuten und 27 Sekunden, damals die zweitschnellste Zeit der Welt. Als Siegprämie gibt es einen Vertrag mit einem Sponsor, laut Kibet zusammen mehr als 200.000 Euro wert. Für ihn erfüllen sich alle seine Träume. Er kauft sich ein Auto, ein Haus. Doch zehn Jahre später hat er nichts mehr.

"Ich überlebe irgendwie", sagt der jetzt 41-Jährige. "Im Moment kämpfe ich sehr, denn ich habe keinen Job und meine Geschwister müssen mich unterstützen. Ich hatte viele Freunde, aber wenn du nichts mehr hast, dann kommt keiner und hilft dir."

Duncan Kibet heute | Bildquelle: Caroline Hoffmann/WDR
galerie

Duncan Kibet heute: Nach dem Erfolg kam der Abstieg.

Jetzt lebt er in einem kleinen Zwei-Zimmer-Apartment, die Miete zahlt einer seiner Brüder. An den Wänden hängen noch die Fotos seines Erfolgs. Der Verdienst hätte ihm reichen können, den Start in ein gutes Leben zu finanzieren. Aber Kibet konnte mit dem plötzlichen Geldsegen nicht umgehen, denn er hatte es nie gelernt.

"Meine Kindheit war hart“, erzählt er. "Meine Familie lebte an der Armutsgrenze. Ich habe noch nicht einmal die High School abschließen können, denn es gab nicht genug Geld. Meine Mutter hat eine zeitlang sogar illegal gebrauten Alkohol verkauft, um irgendetwas zu verdienen." Erst war er Gelegenheitsarbeiter, in einer Fabrik, in einem Kino. Dann begann er mit dem Laufen. Sein Bruder schenkte ihm das erste Paar Schuhe.

Ehemalige Spitzensportler aus Kenia kämpfen mit finanziellen Problemen
Mittagsmagazin, 26.09.2019, Caroline Hoffmann, ARD Nairobi

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Ein kleines Haus, Maispflanzen, ein paar Kühe. Kibets Mutter lebt einige Kilometer außerhalb der Stadt Eldoret, der Läuferschmiede Kenias. Er besucht sie oft und hilft ihr mit den Tieren. Nach seinem Erfolg renovierte er ihr Haus. Er half nicht nur ihr, sondern der ganzen Familie, der Dorfgemeinschaft. Denn ein Sozialsystem, so wie in Deutschland, gibt es in Kenia nicht.

"Für die Schule, wenn jemand Geld für den Arzt brauchte", erzählt er. "Die Leute aus deinem Dorf kommen zu dir und sagen: 'Hey ich bin blank, hilfst du mir?" Er war gerne großzügig, sagt Kibet. Andere sagen, er wurde auch ausgenutzt.

Dramatische Konsequenzen

Ein paar Kilometer weiter trainieren Athleten auf einer Asphaltstraße. Joseph Cheromei fährt im Auto neben ihnen her, gibt die Zeit vor, treibt sie an. "Wenn du vorher nicht geplant hast, wie du investierst, dann kann dich das Geld verwirren", sagt er. Es könne sogar dramatische Konsequenzen haben. "Ich habe mehr als einen oder zwei gesehen, die Selbstmord begangen haben. In einem Jahr hat jemand Benzin über sich geschüttet und ein Streichholz genommen, wir konnten ihn retten."

Lauftraining im Hochland von Kenia | Bildquelle: Caroline Hoffmann/WDR
galerie

Lauftraining im Hochland von Kenia.

Trainer Joseph Cheromei | Bildquelle: Caroline Hoffmann/WDR
galerie

Trainer Joseph Cheromei begleitet die Athleten in seinem Wagen.

Und Bildung spielt eine Rolle. "Ich sehe Leute, die nicht zur Schule gegangen sind und nicht zurecht kommen", erklärt Sylvia Kibet nach dem Training. Sie war WM-Zweite über 5000 Meter in den Jahren 2009 und 2011. "Wir, die auf einer Schule waren, wir haben Glück."

Hinzu kommen: Betrüger. Wer in Kenia Geld hat, der kauft Land, denn es ist die wichtigste Altersvorsorge. Der Betrug mit falschen Papieren, mit Land, das jemand verkauft, dem es gar nicht gehört, ist hier an der Tagesordnung.

Auch Kibet sei es so gegangen, erzählt er selbst. So habe er ein großes Grundstück mit Haus verloren. Athleten sind gute Ziele. "Wenn sie Land kaufen wollen, kann es passieren, dass sie in die Hände von unseriösen Vermittler fallen, die ihnen dann das Geld stehlen“, sagt Trainer Cheromei. "Ein Stück Land ist zum Beispiel umgerechnet 43.000 Euro wert, und der Vermittler verkauft es dann für das Doppelte."

Nur der Hälfte der Athleten geht es gut

Auch Benjamin Limo war Leichtathlet, 2005 wurde er Weltmeister über 5000 Meter. Er hat sein Geld geschickt investiert, erwarb mehrere Farmen und lebt jetzt gut von der Landwirtschaft. Limo kennt die Probleme ehemaliger Kollegen. "Ich schätze, es geht ungefähr 50 Prozent der ehemaligen Athleten gut, dem Rest nicht", sagt er. 

Benjamin Limo als Weltmeister 2005 in Helsinki | Bildquelle: picture-alliance/ dpa/dpaweb
galerie

Benjamin Limo als Weltmeister über 5000 Meter 2005 in Helsinki

Benjamin Limo | Bildquelle: Caroline Hoffmann/WDR
galerie

Limo lebt heute von den Erträgen seiner Farmen.

Auch deshalb hat er sich vor einigen Jahren für kurze Zeit bei Athletics Kenya, dem Leichtathletik-Verband, engagiert. Von diesem Verband wünschen er und andere ehemalige Athleten sich mehr Unterstützung.

Limo hatte die Idee, für die erfolgreichen Läufer eine Art Pensionsplan aufzustellen, "so dass Athleten, wenn sie nicht mehr laufen, monatlich oder jährlich etwas Kleines bekommen. Sie haben die Idee nicht angenommen."

Verband bietet Hilfe an

Wir fragen beim Verband nach, der widerspricht. So einen Plan fänden sie gut, er sei ohnehin ihre Idee, nicht die von Limo, und sie wären im Austausch mit der kenianischen Regierung, um das für alle erfolgreichen Athleten, umzusetzen. Ob und wann dies aber passiere, sei noch offen.

Außerdem seien die Athleten selbst verantwortlich. Und der Verband biete schließlich Hilfe an. “Wir haben in den letzten Jahren einige Seminare gegeben“, sagt  Barnabas Korir von Athletics Kenya. "Wenn Sie jemanden unterrichten, und er versteht es nicht, oder er hört nicht zu, natürlich können wir da nicht viel machen. Das Problem, (Anmerk. der Red: dass Athleten ihr Geld verlieren), ist ein Phänomen, das es nicht nur in Kenia gibt, sondern überall." Kibet und viele andere Läufer, von ganz oben nach weit unten, in Kenia wird es das erst einmal weiter geben.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Mittagsmagazin am 26. September 2019 um 13:00 Uhr.

Darstellung: