Der türkische Präsident Erdogan | Bildquelle: REUTERS

Fall Khashoggi Riads Krise - Erdogans Chance?

Stand: 24.10.2018 16:00 Uhr

Der Tod Khashoggis könnte für Erdogan eine günstige Gelegenheit sein. Möglicherweise weiß der türkische Präsident mehr - und nutzt sein Wissen, um den großen Konkurrenten Riad unter Druck zu setzen.

Eine Analyse von Reinhard Baumgarten, SWR

Die Türkei und Saudi-Arabien sind Konkurrenten im Kampf um Einfluss und Macht im Nahen Osten: Ankara unterstützt die Muslimbrüder in arabischen Ländern, Riad brandmarkt und verfolgt sie als Terro­risten. Ankara steht in Treue fest zu Katar, Riad dagegen versucht auf Biegen und Brechen, den kleinen reichen Golfstaat in die Knie zu zwingen. Im syrischen Bürgerkrieg unterstützen Ankara und Riad seit mehr als sieben Jahren unterschiedliche Fraktionen, Gruppierungen und Kämpfer. Und Ankaras Verhältnis zu Washington ist erheblich gestört, während sich Riad höchster Wertschätzung durch die Trump-Administration erfreut.

Der im Detail noch ungeklärte Tod des Journalisten Jamal Khashoggi bietet dem türkischen Präsiden­ten Recep Tayyip Erdogan die günstige Gelegenheit, Saudi-Arabien massiv unter Druck zu setzen. Erdogan spielt seine Karten dabei äußerst geschickt aus. Riad macht es dem türkischen Staatschef leicht. Das Königreich steht international am Pranger.

"Der Imageschaden ist einfach groß durch den Mord an Khashoggi, der in dem Konsulatsgebäude stattgefunden hat", sagt Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, in einem Interview mit dem Weltspiegel. "Der Schaden ist noch größer dadurch, dass man 14 Tage behauptet hat, es sei nichts geschehen und Khashoggi habe das Konsulat verlassen, um dann zugeben zu müssen, dass er in einer Diskussion mit Personen im Konsulat ums Leben gekommen sei."

Türkische Ermittler füttern Medien

Erdogan beschuldigt Saudi-Arabien, die Ermordung Khashoggis Tage im Voraus akribisch vorbereitet zu haben. Belege für diese Behauptung hat er bislang nicht vorgelegt. Seit Wochen füttern türkische Ermittler in- und ausländische Medien mit mutmaßlichen Erkenntnissen darüber, was sich am 2. Oktober im saudischen Konsulat zugetragen haben soll. Im Fokus steht dabei Kronprinz Mohammad bin Salman. Volker Perthes glaubt: "Selbst, wenn er es nicht selbst angeordnet hat: Es sind seine engsten Mitarbeiter, die hier involviert zu sein scheinen."

Das Verhältnis zwischen Ankara und Riad hat sich weiter verschlechtert, seitdem bin Salman in Saudi-Arabien de facto das Sagen hat. Eine Schwächung bin Salmans wäre ganz im Sinne Ankaras. Ausdrücklich hat Präsident Erdogan an die Integrität König Salmans appelliert, um mehr Licht in den Fall Khashoggi zu bringen. Vielleicht, so Perthes, sehe Erdogan sogar die Chance, "dass der König einen anderen Kronprinzen an dessen Stelle setzt, und dass sich dann die Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und der Türkei verbessern könnten".

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman | Bildquelle: AP
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Der saudische Kronprinz bin Salman sieht sich Vorwürfen ausgesetzt, in die Tötung Khashoggis verwickelt zu sein.

Weiß Erdogan mehr?

Beobachter gehen davon aus, dass Erdogan erheblich mehr weiß, als er am Dienstag in Ankara gesagt hat. Die nackte Wahrheit werde auf den Tisch kommen, hatte er vorher wissen lassen. Es ist anzunehmen, dass türkische Stellen über Audio- und Videoaufnahmen verfügen, die das grausige Geschehen im saudischen Generalkonsulat wiedergeben. Diese Aufnahmen dürften kaum daher stammen, dass Khashoggis Apple Watch mit dessen iPhone synchronisiert war. Es ist eher wahrscheinlich, so Beobachter, dass türkische Stellen die saudische Vertretung observiert haben. Es wäre denkbar, dass es Telefonate zwischen den mutmaßlichen Mördern und dem Büro von bin Salman gegeben hat, die von türkischen Stellen protokolliert wurden.

Es ist bekannt, dass Erdogan intensiv mit seinem US-Amtskollegen Donald Trump über den Fall Khashoggi gesprochen hat. Dieser sehe in bin Salman einen wichtigen Alliierten im Konflikt mit dem Iran, meint Bülent Aliriza vom Center for Strategic and International Studies. "Deshalb ist er nicht bereit, die Partnerschaft mit ihm aufzugeben wegen eines möglicherweise in Istanbul ermordeten Journalisten."

Präsident Erdogan hat wahrscheinlich noch nicht alle Karten auf den Tisch gelegt. Es darf vermutet und unterstellt werden, dass er über den Kronprinzen belastende Beweise verfügt. Darüber, welche Forderungen Ankara an Riad stellt, kann nur spekuliert werden. Denkbar sind saudische Investitionen in die schwächelnde türkische Wirtschaft, Aufhebung der Blockade gegen Katar, Hafterleichterung für den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi und ein Ende der Unterstützung der syrisch-kurdischen YPG.

Über dieses Thema berichtete "Weltspiegel extra" am 23. Oktober 2018 um 22:45 Uhr im Ersten.

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