Kommentar

Gipfel-Aus in Hanoi Eine vertane Chance

Stand: 28.02.2019 11:17 Uhr

Was bleibt nach dem Gipfel in Hanoi? Eine weitere inhaltsleere Vereinbarung hätte niemandem etwas gebracht. Dennoch stellt sich die Frage, ob sich Trump und Kim verkalkuliert haben.

Ein Kommentar von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio, zzt. Hanoi

Der Tisch war gedeckt, das Essen gekocht, doch keiner nahm Platz. Obwohl Kim Jong-Un und Donald Trump nach den intensiven Gesprächen sicher Hunger gehabt haben dürften, ist mindestens einem von ihnen mittags plötzlich der Appetit vergangen. Das passiert schon mal, wenn etwas richtig quer läuft - und dann muss man eben auch aufstehen und gehen, sagte Trump.

Nordkorea und die USA haben in der Abrüstungs- und Sanktionsfrage keinen gemeinsamen Nenner gefunden. Kim wollte zu viel haben und zu wenig geben, so lautet die einfache Erklärung der USA. Trump hat das - anders als man es von ihm sonst gewöhnt ist - klargestellt, jedoch auf einen anklagenden Ton verzichtet. Im Gegenteil. Beide Seiten seien sich näher gekommen und man werde im Gespräch bleiben, so der Tenor.

Enttäuschend. Einerseits.

Natürlich ist der Gipfel, der so vielversprechend begonnen hatte, damit enttäuschend zu Ende gegangen. Denn auf den ersten Blick bleibt nichts. Einerseits. Andererseits ist es nur gut und richtig, nicht erneut eine inhaltsleere Vereinbarung zu unterzeichnen wie vor acht Monaten beim ersten Gipfel in Singapur. Davon hat niemand etwas und schon gar nicht Trump, der im kommenden Jahr als US-Präsident wiedergewählt werden möchte. So kommt er vielleicht relativ unbeschadet aus der Sache raus. Dennoch bleibt die Frage: Haben sich die USA verkalkuliert, den nordkoreanischen Machthaber gar unterschätzt, oder war der zu naiv?

Raketen- und Atomprogramm ist Kims Lebensversicherung

Beide Seiten haben der Welt den Eindruck vermittelt, dass es voran geht und man sich vermutlich einigen würde. Viele Gespräche wurden im Vorfeld geführt - all das, obwohl es ernstzunehmende Berichte gab, dass Nordkorea offenbar noch im vergangenen Jahr weiter Uran und Plutonium  angereichert hat und auch zivile Einrichtungen für den Zusammenbau seiner Raketen nutzt. Und es war auch immer klar, dass das Raketen- und Atomprogramm die Lebensversicherung Kims ist - sie ihm also Sicherheitsgarantien bieten müssen, damit er es aufgibt. Doch offenbar waren auch die USA nicht bereit, sich ausreichend zu bewegen.

Kim könnte auf Zeit spielen

Immerhin: Es soll keine weiteren Tests geben, das hat Kim seinem "Freund" Trump in die Hand versprochen. Das könnte bedeuten, dass auch er den Gesprächsfaden mit den USA nicht abreißen lassen will - denn er hat ja auch nicht, was er möchte: sein Land aus der Isolation zu holen und wirtschaftlich voranzubringen. Das muss er jetzt auch den Nordkoreanern irgendwie verkaufen und seinen Generälen klarmachen. Es wird spannend zu sehen, ob die alte Anti-USA-Rhetorik, die es zuletzt nicht mehr in Nordkorea gab, nun wieder aufflammt, oder ob Kim auch Trump vertraut und auf Zeit spielt. Die hat er mit seinen gerade einmal 35 Jahren allemal.

Schade ist dennoch, dass sich beide Seiten weiterhin im Krieg befinden. Eine Erklärung über das offizielle Ende des Korea-Krieges wäre ein wichtiges Signal der USA an Nordkorea gewesen - und auch an Südkorea, das sich intensiv um eine Annäherung des Nachbarlandes bemüht.

Es war eine vertane Chance.

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Februar 2019 um 23:24 Uhr.

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